Der Stimmzettel zur Bundestagswahl ist so lang wie nie. In diesem Jahr treten 42 Parteien an, 2002 waren es noch 24. Auf den ersten Blick sieht das wie eine Bereicherung aus, aber dahinter steckt ein Individualismus, der sich mit der Demokratie nur schwer verträgt.

Die Kleinparteien sind kein unbedeutendes Phänomen mehr. Ihr Stimmenanteil wächst – und damit auch der Anteil an Stimmen, die im Parlament kein Gehör finden. 1983, als die Grünen zum ersten Mal Bundestagsmandate erlangten, gingen 0,5 Prozent an die Sonstigen. 2013 waren es bereits 6,2 Prozent – AfD und FDP mit zusammen 9,5 Prozent nicht einberechnet.

Der Individualismus ist in der Politik angekommen

Viele der neuen Parteien vertreten die Weltsicht eines kleinen Milieus: Die V-Partei³ die der Veganer, die HipHop Partei die der jungen Großstädter, die Menschliche Welt die der Yogis. Die Individualisierung der Gesellschaft schlägt sich in der Politik nieder. YouTube statt Fernsehen, Spotify statt Radio und Fitnessstudio statt Sportverein bieten ein individuell zugeschnittenes Programm – da war es nur eine Frage der Zeit, bis sich das auch in der Parteienlandschaft widerspiegelt.

Zum Problem wird das, wenn Individualisten keine Parteien mehr wählen wollen, die nicht zu 100 Prozent ihre Meinungen vertreten. Sie stimmen zwar mit einem Großteil des Programms einer der etablierten Parteien überein. Sind sie in einem Punkt aber anderer Meinung, sträuben sie sich dagegen, der Partei ihre Stimme zu geben. "Ich würde ja die SPD wählen, aber die Frauenquote finde ich nicht gut" und "Ich würde ja die Grünen wählen, aber das Ehegattensplitting will ich behalten" sind Sätze, die man immer öfter hört.

Viele Menschen werfen der Politik außerdem vor, Versprechen nicht einzuhalten – als säßen sie in einem Restaurant und der Kellner hätte ihnen nicht das gebracht, was sie bestellt haben. Dabei funktioniert Demokratie nicht à la carte. Sie ist eher ein Buffet, das die Regierung zusammenstellt und das möglichst viele Menschen satt und zufrieden machen soll. Auf individuelle Wünsche kann sie dabei nur begrenzt eingehen.

Demokratie lebt von Kompromissen

Schließlich geht es darum, ein Land mit 82 Millionen Menschen zu regieren, die teilweise gegensätzliche Interessen haben. Da kann nicht jeder Wunsch in Erfüllung gehen, nicht in den Wahlprogrammen und schon gar nicht bei der Gesetzgebung. Parteien können ihre Programme nicht auf jeden Wähler individuell zuschreiben. Auch können sie ihre Ziele nie einfach so umsetzen, sondern müssen mit anderen Parteien Kompromisse eingehen. Das ist gut, denn nur so werden die verschiedenen Interessen berücksichtigt, die es in unserer Gesellschaft gibt.

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Doch statt das anzuerkennen, werfen die Gründer und Wähler der neuen Parteien den etablierten vor, keine Ideale zu haben und zu viele Kompromisse einzugehen. Wer solche Ansichten hat, hat offensichtlich noch nie nächtelang mit einem Koalitionspartner ein Gesetz ausgehandelt, das den Forderungen beider Parteien zumindest zum Teil gerecht werden muss. Der Wunsch nach weniger Kompromissen ist nicht nur naiv, sondern auch gefährlich. Denn Kompromisslosigkeit bedeutet in einer Demokratie Stillstand.

Stimmen für linke Kleinparteien stärken die Rechten

Unter den unrealistischen Ansprüchen leiden vor allem linke Parteien. Denn viele der Parteien, die zum ersten Mal auf dem Stimmzettel stehen, haben ein ähnliches Programm wie die Grünen oder die Linke. Die Kleinparteigründer und -wähler erreichen jedoch das Gegenteil von dem, was sie eigentlich wollen: Jede Stimme, die ein linksorientierter Mensch einer Partei ohne Chance auf Einzug in den Bundestag gibt, macht eine rechte Regierung wahrscheinlicher. Denn jeder Abgeordnete, den die linken Parteien im Bundestag verlieren, bedeutet mehr Mandate für die rechten Parteien – darunter die AfD. Das gilt auch für die zunehmende Zahl an Stimmen, die die Satirepartei Die Partei von linksorientierten Wählern erhält. Die neue Rechte hat sich in der AfD vereinigt und triumphiert. Die Linke dagegen zersplittert an ihrem Individualismus und kann den Rechten wenig entgegensetzen.

Gegen den Rechtsruck würde es helfen, wenn die Unzufriedenen den etablierten Parteien nicht wortlos den Rücken kehrten, sondern sich mit ihrer Kritik an die Verantwortlichen wenden. Politiker freuen sich über die direkte Rückmeldung der Bürger und viele Missverständnisse können ausgeräumt werden. Außerdem kann jeder in eine bestehende Partei eintreten und sich dort für seine Überzeugungen einsetzen. Wenn stattdessen jede noch so kleine Interessengruppe ihre eigene Partei gründet, wird unsere Demokratie dadurch nicht besser funktionieren, sondern schlechter.