Zögern, unentschlossen. In der Vielfalt der Möglichkeiten erst mal abwarten und Ingwertee trinken: Wer bei dieser Wahl zaudert, stellt das Handeln infrage, und das liegt nahe, in einer Gegenwart der Hundert guten Gründe und Hundert ebenso guten Gegengründe. Gerade die Klugen finden, nichts sei naheliegender, als unentschlossen zu sein, weil für die Moderne nun mal das Ende der Eindeutigkeit typisch ist. Man vermeldet es als Fortschritt: Um 1900 war noch von den "krankhaft Unentschlossenen" die Rede. Heute gilt das Zögern als schlicht sachangemessen. Die einfachen Lösungen gibt es nicht und wer so tut, betrügt sich und die anderen.

Die Kanzlerin war und ist deshalb genial: Angela Merkels politisches Format beweist sich auch darin, dass sie all diese Unentschlossenen, Ambivalenten und Zögernden zu regieren verstand, und zwar indem sie selbst in einer sich überstürzenden Welt die Ruhe bewahrte und, wenn nötig, ihren Kurs korrigierte. So hat Merkel beiläufig alles und alle eingemeindet, sie verschob stoisch die politische Mitte, bis diese Mitte den Mindestlohn und den Kernenergieausstieg, die Flüchtlingsintegration und die Ehe für alle umschloss. Auch die Bekämpfung des Klimawandels, hört man oft, sei mit Merkel in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Es klingt so beruhigend: Die USA mögen mit Trump ein Problem haben, wir in Deutschland haben die Klimakanzlerin. Was man tun kann, wird bereits getan.

Aber das trifft nicht zu. Die Methode Merkel ist beim Klimawandel klar an eine Grenze gekommen. Denn auch die Kanzlerin braucht oft zu lange – siehe Kernenergie –, bis sie handelt. Auch sie schiebt Dringendes, Drängendes auf, wenn der Druck der Lobbys zu stark ist. Gerade errechnete der Bundesverband Erneuerbare Energien, dass die Bundesregierung die verabredeten EU-Klimaziele bis 2020 deutlich verfehlt. Keine Kleinigkeit: Eben erst, in diesem Wahlkampf, hat Merkel vor den Fernsehkameras bekräftigt, dass sie die Zusage einhalten will. Da bleiben ihr noch knapp drei Jahre. Aber es ist zu schaffen. Jedenfalls dann, wenn die neue Regierung so schnell wie rechtlich nur möglich 20 alte Braunkohlewerke stilllegt. Ohnehin lautet die entscheidende Frage unserer Zeit längst nicht mehr: Welche Maßnahmen müssen wir gegen den Klimawandel ergreifen? Sie lautet: Wie schnell gelingt es uns, diese Maßnahmen umzusetzen? Und da wird die Frage, wer mit Merkel koalieren wird – FDP, SPD oder Grüne – einen Unterschied ums Ganze machen.

Wie sehr die Zeit drängt, zeigt eine große Studie von Klimaforschern der Universitäten Washington und California, die gerade in der angesehenen Fachzeitschrift Nature zu lesen ist: Demnach hat die Welt unter moderaten Klimamaßnahmen bis 2100 nur eine Chance von einem Prozent, dass die Erderwärmung unter 1,5 Grad Celsius bleibt. Mit nur fünfprozentiger Wahrscheinlichkeit lässt sie sich, wie in Paris 2015 vertraglich festgehalten, unter 2 Grad Celsius halten. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird sich der Temperaturanstieg zwischen 2,0 und 4,9 Grad Celsius bewegen, mit einem Median von 3,2 Grad Celsius.

Wer sich die katastrophalen Folgen nicht ausmalen kann, der sollte sich von Freunden im Hurrikan-geschüttelten texanischen Houston oder von den Nachrichten erzählen lassen, wie es ist, wenn Millionen auf der Flucht vor dem Wetter sind. Harvey, Irma, Maria – von den ungleich tödlicheren Überschwemmungen und Dürren in Asien oder Afrika, die keine netten Vornamen tragen, gar nicht zu reden. Die Leute müssen irgendwo hin. Meistens gehen sie nach nebenan, in irgendeine Sporthalle oder ein Wüstenzelt, zum Warten. Oder sie gehen, wenn die Zerstörung zu groß ist, in ein Nachbarland. Oder sie machen sich auf den Weg nach Europa.