Dies ist ein Text unserer neuen Serie Fünf und der Fisch. Bis zur Bundestagswahl schreiben fünf Experten über Prognosen, Versprechen und Kampagnen. Und ein Fisch prognostiziert den nächsten Kanzler. Alle Informationen über die Serie finden Sie hier.

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Zugegeben, auch ich beobachte gespannt die Wahlumfragen. Wie viele andere auch interessiert es mich brennend, ob die Union ihren Vorsprung hält und welche Koalitionen sich abzeichnen. So ein Rennen ist ja auch ein nettes Plauderthema. Hätten wir keine Umfragen, sähen wir nichts von dem Rennen, sondern bekämen nur das Ergebnis mitgeteilt. Und natürlich ist es verführerisch, Wissenschaftlern zu trauen, Statistik an die Stelle von politischen Mutmaßungen zu setzen.

Aber ist es auch gut für die Demokratie? Ich bezweifle das. Umfragen können irreführend und sogar verfälschend wirken. Meinungsforscher haben in der letzten Zeit schon mehrfach versagt und es gibt wenige Gründe anzunehmen, dass solche Irrtümer nicht auch in Deutschland passieren können. Tatsächlich gab es sogar schon extremere Fälle, etwa als die FDP zur Landtagswahl im Saarland 1985 auf weniger als zwei Prozent geschätzt wurde, am Ende aber um die zehn Prozent erhielt.

Als Forscher habe ich mich lange mit der Aussagekraft von Umfragen beschäftigt. Schließlich habe ich selbst versucht, bessere Prognosen zu erstellen. Ich errechnete Mittelwerte aus den Ergebnissen der Forschungsinstitute, ich gewichtete die Institutsergebnisse mithilfe der Genauigkeit früherer Vorhersagen. Doch je länger ich an der perfekten Umfrage feilte, desto mehr drängte sich mir die Frage nach dem Wozu auf.

Meinungsforschung macht auch selbst Meinung. Sie kann, ob gewollt oder nicht, Wahlen beeinflussen. Dafür gibt es jede Menge Beispiele. Wird eine Partei dauerhaft auf unter drei Prozent geschätzt, liegt es für den taktisch denkenden Wähler nahe, die Stimme einer größeren Partei zu geben, um sie nicht zu verschenken. Prognosen dagegen, die eine Partei in unmittelbarer Nähe der Fünfprozenthürde einordnen, werden nicht nur die eigenen Anhänger motivieren, sondern auch Wähler anderer Parteien zu Leihstimmen verführen. Falls Sie jetzt an die FDP denken: Ja, bei den Liberalen konnten wir das immer wieder gut beobachten.

Nun kann man sagen, dass gegen taktisches Wählen wenig einzuwenden ist – abgesehen davon, dass die Wahl einer Partei, die man eigentlich nicht bevorzugt, kein Ruhmesblatt für die Demokratie ist. Doch die Orientierung des Wählers an Umfragen hat auch schon schwerwiegendere Folgen gehabt. Etwa beim Brexit. Viele Wähler dürften angesichts der scheinbar klaren Prognosen auf das Wählen verzichtet haben oder sogar gegen ihre Überzeugung für den Brexit gestimmt haben, um der Regierung einen Denkzettel für Versagen auf anderen Feldern verpassen zu wollen. Es verzerrt Wahlergebnisse, wenn viele Menschen zu wissen glauben, wie die Wahl ausgehen wird.

Am augenscheinlichsten wurde mir die politische Kraft von Umfragen in einem Gespräch mit jungen Leuten kurz vor der Bundestagswahl 2013. In der Runde outete sich ein junger Student als SPD-Mitglied. Prompt kamen abschätzige Reaktionen. Ich fragte nach den Gründen, aber trotz mehrfachen Bohrens kamen keine inhaltlichen Argumente. Selbst das Ansehen der damaligen Kandidaten der beiden großen Parteien – Merkel und Steinbrück – war bei allen in der Runde auf ähnlichem Niveau. Steinbrück wurde nicht abgelehnt. Ihm wurde nur vorgeworfen, sich für eine Partei zu engagieren, die doch ohnehin verlieren werde. Meinungsumfragen waren der Grund für die starke Anti-SPD-Stimmung. Die Kritiker des jungen SPDlers wollten lieber zu den Siegern gehören.

Bundestagswahl - Zuschauer nicht überzeugt von TV-Duell Bei einer Straßenumfrage in Köln waren weder Bundeskanzlerin Angela Merkel noch Herausforderer Martin Schulz Sieger des TV-Duells. Viele Zuschauer beklagten die überwiegend einheitlichen Positionen und die besprochenen Themen. © Foto: Screenshot/Reuters