Der SPD-Vorsitzende Martin Schulz und seine Stellvertreterin Manuela Schwesig rufen angesichts der aktuellen Wutdebatte im Wahlkampf zu mehr Respekt gegenüber den Ostdeutschen auf. Die "enorme Lebensleistung" der Ostdeutschen seit 1989/90 habe gesellschaftlich lange keine angemessene Rolle gespielt, kritisieren der SPD-Spitzenkandidat und die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern in einem Gastbeitrag für die ZEIT. Die ostdeutsche Lebensleistung sei "auch in der deutschen Politik viel zu wenig gewürdigt worden". 

Die Ostdeutschen, so Schulz und Schwesig, hätten das Land und die Gesellschaft besser gemacht: "Sie haben den Umbruch mehrheitlich als Chance begriffen, ihre Zukunft mutig in die eigenen Hände genommen und gemeistert." So seien sie zu gefragten Ratgebern geworden, die Region habe sich neu erfunden, sei dynamisch und heute "Vorbild einer modernen Frauen- und Familien- und Gleichstellungspolitik". Und: "Ostdeutschland steht endlich vor dem nächsten wirtschaftlichen Sprung", befinden Schulz und Schwesig, die selbst aus Ostdeutschland stammt. 

Allerdings seien in der Vergangenheit in den neuen Ländern schwere wirtschaftspolitische Fehler gemacht worden, räumen die Politiker ein: "Viele mussten erleben, wie stolze Traditionsbetriebe aufgekauft und abgewickelt wurden; mit ihnen die Arbeitsplätze verloren gingen." Schulz und Schwesig fordern daher, die Treuhand-Akten publik zu machen: "Gerade weil die Treuhand ein Teil der deutsch-deutschen Geschichte ist, der als massive Ungerechtigkeit empfunden wurde, sollten wir die Unterlagen, wo immer es geht, veröffentlichen, zur Forschung freigeben." 

Darüber hinaus sprechen sich beide dafür aus, dass die Löhne in den neuen Ländern steigen, dass "Tarifbindung zum Normalfall" werde und die "willkürliche Befristung von Arbeitsverträgen" abgeschafft werden solle. Es brauche außerdem einen "Gerechtigkeitsfonds" speziell für Menschen, die im Zusammenhang mit ihrer DDR-Alterssicherung nach der deutschen Einheit erhebliche Nachteile erlitten hätten.