Ich bin ein ostdeutscher Mann, und eigentlich hatte ich eine Ehrenrettung schreiben wollen. Mir wurde schnell klar: Dafür gibt es keinen Anlass. Einen zur Selbstanklage hingegen schon. Denn, falls irgendwer es verpasst hat: Unter ostdeutschen Männern ist die AfD bei der Bundestagswahl stärkste Kraft geworden, unter sächsischen Männern lag sie offenbar so weit vorne, dass ich verschiedentlich gefragt werde, ob ich eigentlich der eine sächsische Mann sei, der nicht für die AfD gestimmt hat.

Ich bin natürlich nicht der Einzige, es gibt noch viele, viele mehr. Es sind trotzdem die ostdeutschen Männer, die jetzt im Ruf stehen, die Wut in die Republik zu tragen, es ist verheerend. Ostdeutsche Männer, da denken die Leute an Fußballkrawalleros, Pegida-Demonstranten und AfD-Funktionäre, aber nicht an Dax-Manager oder Spitzenpolitiker (obwohl es ostdeutsche Männer in beiden Funktionen gibt). Das ist wahnsinnig unfair. Aber das haben wir uns vermutlich selbst eingebrockt: Der ostdeutsche Mann steht nun da als Hysteriker, als ängstlicher Zerstörer.

Doch vielleicht kann es uns allen, in Ost und West, dabei helfen, etwas über unser Land zu lernen, wenn wir den wütenden Ostmann näher betrachten. Dazu muss ich ausholen. Und ich sage gleich vorweg: Wenn ich hier immer vom Ostmann spreche und eigentlich den wütenden ostdeutschen Mann meine, dann ist mir völlig klar, dass es Millionen wunderbare ostdeutsche Männer gibt. Ich verallgemeinere also auf fieseste Weise. Aber die, die zur Zeit auf uns Ostmänner schauen, verallgemeinern ja auch. Wir sitzen jetzt eben alle in der Soße, ob wir wollen oder nicht.

Ich bin 29 Jahre alt. Die Ostmänner, die wütend sind, gehören eigentlich in die Generation derer, die 10, 20, 30 Jahre älter sind als ich. Dazu muss man wissen: Im Osten sind die Verhältnisse anders als im Westen, sie sind umgekehrt. Im Westen lernten die Jüngeren von den Älteren, im Osten lernten die Älteren von den Jüngeren. Im Osten mussten die Jungen den Alten erklären, wie die neue Welt, die Welt nach dem Mauerfall, funktioniert. Deshalb fielen die älteren Männer auch vielfach als Vorbilder aus. Ein Umstand, der die älteren Männer schmerzt. Die Älteren wollen gefragt werden, mit ihrem Rat. Sie können aber keinen Rat geben, und sie werden auch nicht gefragt. Das führe zu Komplexen, sagen viele Sozialforscher.

Es ist eigenartig, aber wenn ich mich frage, welche berühmten Ostmänner es eigentlich gibt, fällt mir immer zuallererst Michael Ballack ein, weil Michael Ballack gewissermaßen der erste Held meiner Jugend war, irgendwie. Ich finde, dass man an Michael Ballack schon manche Tragik des Ostmannes erklären kann, weil auf ihn zutrifft, was auf viele tragische Männerfiguren zutrifft: hoch veranlagt zu sein, aber letztlich an sich selbst gescheitert.

Michael Ballack hatte, man darf das nicht vergessen, wirklich viel drauf, sportlich war er ein Großer, er brachte, politisch wie im Fußball, das beste aus zwei Systemen mit. Aber er wollte immer mehr sein als ein sehr guter Fußballer, er wollte der Anführer sein, so eine Art Patriarch auf dem Felde, also ein Feldherr. Er wollte Deutschland vom Mittelkreis aus regieren. Die Großmannssucht war so überwältigend, dass er irgendwann nicht mehr merkte, wie viele andere schon an ihm vorbeigezogen waren, und dass auf seine Kommandos eigentlich gar keiner mehr hörte. Ja: Es hielt nicht einmal jemand für nötig, ihm das wenigstens zu sagen. Es war schon viel zu spät, als irgendjemand ihn zur Seite nahm: Du, Micha, ist gut jetzt.

Der zweite Ostmann, der mir nach Michael Ballack immer einfällt, ist Henry Maske; wieder ein Sportler. Ein Boxer, der es schaffte, 31 Profikämpfe zu gewinnen, aber dabei gefühlt keinen Schlag abzugeben. Er hat sich die Weltmeistertitel erklammert, er ist einfach immer ausgewichen, er hat die Konfliktscheue zum Motiv gemacht. Man nannte ihn dafür "Gentleman", aber das halte ich für ein Missverständnis.