Wer dieser Tage seinen Hass auf die Bundeskanzlerin loswerden will, kann auf eine Menge Unterstützung hoffen. Werbeflyer, Protestschilder, Mitfahrmöglichkeiten zu den Wahlkampfauftritten von Angela Merkel – mancherorts wartet ein Komplettpaket auf jene, die die Kanzlerin niederschreien wollen.

Die lautstarken Proteste sollen spontan wirken. Doch tatsächlich findet seit mehreren Wochen ein organisierter Guerillawahlkampf gegen die Bundeskanzlerin statt. Hinter der Kampagne stehen AfD, NPD und lokale rechtsradikale Bündnisse. Sie werden unterstützt von islamfeindlichen Onlineplattformen und ultrarechten Vereinen. Die Störer verbindet neben ihrer Abscheu für die Kanzlerin ein gemeinsames Interesse: Der Protest gegen Merkel verspricht ihnen Aufmerksamkeit für die eigenen Ziele – viel mehr, als sie für eigene Wahlkampfstände auf den Kleinstadtmarktplätzen bekommen würden.

Ein Dienstagabend Ende August. Angela Merkel ist nach Brandenburg an der Havel gereist. Auf dem Marktplatz recken ihr Menschen Pappschilder entgegen: "Nicht meine Kanzlerin" steht darauf. Oder: "Politiker haften für ihre Flüchtlinge". Als Merkel zur Bühne geht, lassen zwei Personen ein großes Plakat aus dem Fenster eines Hotels herunter. "Asylbetrug macht uns arm! NPD". Die AfD hatte eine Protestkundgebung angemeldet. Aber nicht nur sie, auch die NPD warb im Vorfeld dafür. "Volksverräter"-Rufe und "Hau-ab"-Chöre dröhnen über den Platz, Rentner pusten in Trillerpfeifen, andere lassen ihre Vuvuzelas tröten. "Das war körperlich schmerzhaft", sagt der Sprecher der Stadt Brandenburg.

Merkel hält ihre Rede mit unbewegter Miene, auch wenn sie auf dem Platz phasenweise kaum zu verstehen ist. Die Kanzlerin kennt das schon. So ähnlich war es fast überall, wo sie in den vergangenen Wochen aufgetreten ist.

Es beginnt in Hessen

Es begann am 14. August im hessischen Gelnhausen, der zweiten Station ihrer Wahlkampftour. Von den Zuschauern direkt vor der Bühne bekam sie freundlichen Beifall, doch zwei Gruppen hatten Gegendemonstrationen angemeldet und versuchten, Merkels Rede zu stören. An der einen Seite des Obermarkts standen Windkraftgegner, auf der anderen protestierte die AfD. Die Merkel-Gegner pfiffen und brüllten, so laut sie konnten.

Die Resonanz muss sogar die AfD überrascht haben. Jedenfalls schreibt deren hessische Spitzenkandidatin Mariana Harder-Kühnel wenig später auf Facebook, die "umfangreiche mediale Berichterstattung über die Gegendemonstration" habe "alle Erwartungen übertroffen". ZDF, RTL, Hessischer Rundfunk sowie Dutzende Zeitungen hätten vom "heftigen Gegenwind" berichtet, der Merkel in Gelnhausen erwartet habe. Ihr Fazit: "Nachahmung empfohlen!" Wenig später wirbt die AfD für eine weitere Protestveranstaltung gegen den Auftritt der CDU-Vorsitzenden im nahe gelegenen Fulda.

Das Modell wird an weiteren Orten übernommen: Am 17. August gellt ohrenbetäubender Lärm über den Marktplatz in Annaberg-Buchholz. Laut Polizei stören etwa 150 Menschen die Veranstaltung durch Pfiffe und Rufe. Die Beamten registrieren neun Straftaten, unter anderem das Zeigen des Hitlergrußes. Eine lokale Bürgerinitiative hatte eine Gegendemonstration angemeldet. Nach außen ist es ein friedlich wirkender Verein, der sich für Kitas und Sport engagiert. Einer der drei Vorstände jedoch war früher Chef einer dann verbotenen Neonazikameradschaft und danach Leiter einer lokalen Gruppe der rechtsextremen Partei Der III. Weg.

Rosenheim - Demonstranten stören Merkel-Auftritt Bei einer Wahlveranstaltung in Rosenheim haben AfD-Anhänger die Bundeskanzlerin ausgepfiffen. Merkel konterte, mit Pfeifen und Schreien würden die Probleme in Deutschland nicht gelöst. © Foto: Matthias Balk/dpa