Bis zur Bundestagswahl schreiben fünf Experten über Prognosen, Versprechen und Kampagnen. Und ein Fisch prognostiziert den nächsten Kanzler. Alle Informationen über die Serie finden Sie hier.

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Am 24. September werden die vom Wahlausgang Enttäuschten wohl wieder Berthold Brecht zitieren. Dessen Spruch vom Fressen und der Moral aus der Dreigroschenoper passt nämlich so recht in die Zeit: "Ihr Herrn, die ihr uns lehrt, wie man brav leben, / Und Sünd und Missetat vermeiden kann, / Zuerst müsst ihr uns was zu fressen geben, […] Wie ihr es immer dreht, und wie ihr's immer schiebt, / Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral. / Erst muss es möglich sein auch armen Leuten, / Vom großen Brotlaib sich ihr Teil zu schneiden."

Zwar spielte der Barde aus Augsburg nur mit dem Gestus des Proletariers. Er selbst lebte wohlsituiert. Doch recht hatte er, impliziert doch das Lied im Umkehrschluss, dass es still wird und der rebellische Geist verpufft, wenn der Mensch satt und zufrieden ist.

Übertragen aufs Hier und Heute: Geht es der Wirtschaft gut, wollen sich Menschen nicht mit Visionen plagen. Fehlt die Wechselstimmung, halten wir ängstlich am Bewährten fest. Dazu bedarf es keiner ausgefeilten demoskopischen Prognostik: In der Gesellschaft der halbwegs Gleichen und Vollbeschäftigten werden Wünsche auf Weltverbesserung vertagt, riskieren wir keine Experimente. Warum auch? Wahlkampfstrategen wissen das. Die CDU wirbt mit der augenscheinlichen Zufriedenheit: "Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben", "Für eine starke Wirtschaft und sichere Arbeit", "Für Sicherheit und Ordnung". Also Dinge, von denen wir glauben, dass wir sie noch lange genießen werden, wenn‘s nur so weitergeht. Auch der Slogan der SPD: "Zeit für mehr Gerechtigkeit", klingt nicht gerade umstürzlerisch. Etwas mehr Umverteilung darf sein. Aber bitte, lassen wir die Kirche im Dorf.

Die Geschichte gibt den Parteien recht, entwickelte Demokratien sind grundkonservativ. So lange der Wandel nicht spürbar schmerzt, setzen wir auf das Bewährte. Wer historische Anhaltspunkte für künftige Wahlentscheidungen sucht, der achte auf die relative Zufriedenheit der Mehrheit. Und diese ist hoch.

Daher war die SPD, als kleinere der beiden Regierungsparteien, vermutlich schlecht beraten, als sie sich Anfang 2017 zur Opposition stilisierte. Geht’s den Leuten gut, gewinnt die Regierung. Dieser gehören zwar auch Sigmar Gabriel, Heiko Maas und Andrea Nahles an, die etwa Verbesserungen bei der Rente heraushandeln konnten und eine wahrnehmbare Rolle in der Öffentlichkeit spielen – aber eben nicht der Kanzlerkandidat, Martin Schulz. Dieser gibt den Oppositionsführer, obwohl wir kein britisch-amerikanisches Mehrheitswahlrecht haben und es bei uns nur um Koalitionsoptionen geht. So stehen in des Volkes Augen Angela Merkel und Wolfgang Schäuble für die Regierung und profitieren von der Wirtschaftslage, während die SPD in den Umfragen schwächelt.