Man kann die kurze Karriere von Thomas Jepsen im Deutschen Bundestag leicht für einen Witz halten. Eben weil sie so kurz ist: Als Abgeordneter hat Jepsen nicht mehr als einen Tag im Plenarsaal unter der Reichstagskuppel verbracht. Er saß dort für die Dauer von 319 Minuten, unterbrochen von einem Gang auf die Toilette und danach in die Cafeteria, um schnell einen Teller Suppe zu essen. Von den 245 Sitzungen des Bundestags in dieser Wahlperiode hat Jepsen 244 versäumt. "Aber", sagt er stolz, "meine Anwesenheitsquote beträgt hundert Prozent! Wer sonst kann das aufweisen?"

Auch im Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz, dessen Mitglied Jepsen ist, absolvierte er nur eine Sitzung, knapp eine Stunde. Dies geschah aber nicht, weil er etwa nachlässig oder faul wäre: Mehr Termine gab der parlamentarische Kalender für Thomas Jepsen einfach nicht her. Das liegt daran, dass er dem 2013 gewählten Bundestag erst seit wenigen Wochen angehört. Am 3. Juli 2017 folgte er auf Sabine Sütterlin-Waack (CDU), die auf ihr Mandat verzichtet hat und Justizministerin in Kiel geworden ist. "Nachrücker" wie er sind nicht selten, 27 gab es allein seit der vorigen Wahl. Jepsens Mitgliedschaft im Bundestag ist jedoch die kürzeste von allen: 16 Wochen dauert sie nur.

Wie ist das, plötzlich und nur für eine Dauer, die sonst Praktikanten zusteht, Volksvertreter zu werden? Gewissermaßen als politische Eintagsfliege unter Parlamentariern, von denen viele schon lange ihr Mandat bekleiden. Der Dienstälteste in dieser Runde, Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU), ist immerhin seit 45 Jahren im Bundestag. Sind dagegen 16 Wochen nicht einfach nur kurios, ja belanglos? Jedenfalls treten dabei auch Probleme auf, mit denen Thomas Jepsen vorher nicht gerechnet hatte. 

Anfang September sitzt Jepsen in seinem Abgeordnetenbüro in Berlins Mitte, Wilhelmstraße 65. Der 44-Jährige ist ein großer, blonder Mann von norddeutscher Unaufgeregtheit, der am liebsten nur dann redet, wenn er gefragt wurde. Bis auf den Schreibtisch mit ein paar Akten ist sein Büro ziemlich leer. An der Wand steht noch ein Umzugskarton seiner Vorgängerin. Einen ihrer bisherigen Mitarbeiter in der Hauptstadt hat Jepsen übernommen. Der hilft ihm, sich möglichst schnell im Parlamentsbetrieb zurechtzufinden. Gerade herrscht allerdings wenig Betrieb. Es ist Sommerpause. Und Wahlkampf. Das Land ist gepflastert mit den Porträts der Bewerber für den nächsten Bundestag – für den Jepsen nicht kandidiert. Politiker wie Hans-Christian Ströbele oder Wolfgang Bosbach, die in wenigen Tagen das Parlament verlassen werden, haben längst ihre Abschiedsinterviews gegeben. Thomas Jepsen hat derweil gerade erst als Abgeordneter begonnen.

Und, Herr Jepsen, wie ist es, Volksvertreter zu sein?
"Das ist eine Erfahrung fürs Leben, die ich aufsauge."
Aber was können Sie in der kurzen Zeit Sinnvolles tun?
"Vor allem Wahlkreisarbeit. Ich habe mein Briefpapier mit dem Bundesadler. Und das wird genutzt."

Jepsen hat Ministerien in Berlin und Kiel angeschrieben. Er hat sich zum Beispiel für Traditionsschiffe eingesetzt. Die schwimmenden Oldtimer sind ein großes Thema in seinem Wahlkreis an der Flensburger Förde, seit eine neue Sicherheitsrichtlinie des Bundes manche in ihrer Existenz bedrohe. "Die sollen etwa künftig eine 100 Meter lange Ankerkette mitführen, was Unsinn ist." Jepsen schüttelt den Kopf. "Ich will für die einen Sonderstatus erreichen." Das Thema hat er von seiner Vorgängerin geerbt.

Jepsen kümmert sich auch um den Schutz der Ostsee-Steilküsten oder um Fragen des Trinkwassers. Es geht da um sperrige Wörter wie "Raumordnungsklauseln" oder "Masterplan Flora-Fauna-Habitat". Er hat sich gewissenhaft eingearbeitet. Auch in das Material über Rechte, Pflichten und Gepflogenheiten im Bundestag ("Darf im Plenum gelacht werden? Selbstverständlich!"). Soll keiner sagen, er nehme sein Mandat nicht ernst. Jepsen will sich als vollwertiger Volksvertreter erweisen – so gut es eben geht als Anfänger unter Profis. Vor allem will er sich nicht blamieren.