Flüchtlinge, Integration, Islam und Muslime – mehr als die Hälfte der Zeit des TV-Duells zwischen Angela Merkel und Martin Schulz ging es darum. Wenn wenigstens etwas Gescheites dabei herausgekommen wäre! An sich ist es verständlich, diesen Themen so viel Platz einzuräumen, denn eine Million Geflüchtete stellt das Land, die Politik und die Bürger nun mal vor große Herausforderungen. Doch dass die Diskussion dem Thema nicht gerecht wurde, lag vor allem an den Moderatoren. Offenbar waren sie sich einig, den Akzent auf Migration zu setzen, aber dann hätten sie andere Fragen vorbereiten können beziehungsweise die Fragen anders stellen müssen. Merkel und Schulz wiederum hätten, wie sie es ja gut können, auch auf Fragen antworten können, die gar nicht gestellt wurden, zum Beispiel die nach Engpässen auf dem Wohnungsmarkt.

Stattdessen hat die Kanzlerin rückblickend ihre Entscheidung, die Grenzen zu öffnen, ausführlich erklärt. Immer wieder hatte sie sich in den vergangenen zwei Jahren dazu geäußert – ich bezweifle, dass sie mit ihren Erklärungen jetzt all jene "besorgten Bürger", die die Grenzöffnung kritisieren, nun auf ihrer Seite hat. Das wäre ihr eher gelungen, wenn sie als erfahrene Politikerin die Kritik von Martin Schulz, sie habe im Alleingang gehandelt und andere EU-Länder nicht einbezogen, abgeschmettert und vor allem den Blick nach vorne gerichtet hätte.

Positiver Rassismus

Sogar die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört, fehlte nicht. Angesichts der Tatsache, dass je nach Schätzungen zwischen vier bis fünf Millionen Menschen hier leben, die Muslime sind – unabhängig davon, wie sehr sie ihre Religion praktizieren, ist das eine völlig überflüssige Frage. Und auch wenn Schulz' Bemerkung, die Mehrheit der Muslime seien "total anständige Leute", sicherlich gut gemeint war, hat sie muslimische Zuschauer nicht erfreut. Eine Selbstverständlichkeit wird als etwas besonders Gutes hervorgehoben – das nennt man positiven Rassismus. Es sollte in der Debatte über die Muslime in diesem Land nicht darum gehen, ob sie anständige Menschen sind, sondern darum, wie mit den Menschen umzugehen ist, die im Namen des Islam die Regeln dieser Gesellschaft nicht akzeptieren und im Extremfall auch vor Gewaltanwendung nicht zurückschrecken.

Welche Konzepte haben Kandidaten, um diese Gruppen für unsere Gesellschaft zu gewinnen? Dazu hätte ich gerne mehr gehört, als dass "Hassprediger in diesem Land nichts zu suchen hätten" (Schulz) oder dass die Imamausbildung gefördert werden müsse (Merkel). Was nützen hier ausgebildete Imame, wenn die Moscheegemeinden kein Geld haben, um sie einzustellen? Wenn Schulz ankündigt, das Abkommen über die Entsendung von Imamen aus der Türkei aufzulösen, wenn er Kanzler wird, dann reicht das nicht, weil damit die Probleme, die es derzeit mit dem Religionsverband Ditib gibt, der strukturelle Verbindungen zur Türkei hat, nicht gelöst werden.

Hätten die Kanzlerkandidaten weniger zurückgeblickt, sondern Konzepte für die Integration von Migranten im Allgemeinen und von Geflüchteten im Besonderen vorgelegt, hätten diese Vorschläge gut mit den wichtigen Themen soziale Gerechtigkeit und Bildung verknüpft werden können, die in den rund 100 TV-Duell-Minuten viel zu kurz kamen oder gar erst nicht auftauchten.

Verloren haben die Moderatoren

Verloren haben am Ende weder Merkel noch Schulz, denn das Duell war ja keines. Merkel und Schulz haben nur bei sehr wenigen Themen kontroverse Ansichten vertreten. Verloren haben vielmehr die Moderatoren, die alle vier ihren Job nicht gut machten. Vor allem Sat.1-Moderator Claus Strunz, der sich offensichtlich in der Rolle des Sprachrohrs der "besorgten Bürger" gefiel und auch keine Hemmungen hatte, Fragen mit falschen Zahlen einzuleiten oder Zitate so zu verkürzen, dass es den Inhalt entstellte. Schulz musste Strunz zurechtweisen und richtigstellen, dass er keineswegs Flüchtlinge als "Gold" bezeichnet habe, sondern Folgendes gesagt habe: "Was die Flüchtlinge zu uns bringen, ist wertvoller als Gold, nämlich der unbeirrbare Glaube an dem Traum von Europa. Ein Traum, der uns irgendwann verloren gegangen ist."

Etwas ganz anderes bleibt am Ende: Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan wird sich einmal mehr darin bestätigt fühlen, was er für ein wichtiger Politiker ist. Ein nicht unerheblicher Teil des deutschen TV-Duells war der Frage nach dem Umgang mit der Türkei und ihm gewidmet. Klare Kante gegen Erdoğan, von der immer wieder die Rede war, ließe sich übrigens auch vor der Wahl zeigen.