Dies ist ein Text unserer neuen Serie Fünf und der Fisch. Bis zur Bundestagswahl schreiben fünf Experten über Prognosen, Versprechen und Kampagnen. Und ein Fisch prognostiziert den nächsten Kanzler. Alle Informationen über die Serie finden Sie hier.

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War es der bemerkenswerteste Missgriff seiner Karriere? Am 5. April 1957 führte Konrad Adenauer vor der Bundespressekonferenz aus, dass die Deutschen die Entwicklung von taktischen Nuklearwaffen nicht würden stoppen können. Sie täten daher besser daran, auf den Zug zur Nuklearisierung der Verteidigung aufzuspringen: "Die taktischen Waffen sind nichts weiter als die Weiterentwicklung der Artillerie. Selbstverständlich können wir nicht darauf verzichten, dass unsere Truppen auch in der normalen Bewaffnung die neueste Entwicklung mitmachen."

Die Opposition konnte ihr Glück kaum fassen. Herausforderer Erich Ollenhauer (SPD) war in Umfragen weit abgeschlagen. Nun brach der Kanzler, fünf Monate vor der Wahl, eine Debatte vom Zaun, die er schwerlich gewinnen konnte: Vier Fünftel der Befragten lehnten Atomwaffen ab. In der "Göttinger Erklärung" bezichtigten 18 führende Nuklearphysiker, darunter Nobelpreisträger wie Wilhelm Hahn und Werner Heisenberg, den Kanzler naiver Sorglosigkeit gegenüber der "Bombe". Die Medien erklärten ihn für verrückt. Deutschlands größte Boulevardzeitung titelte: "Keine Atomwaffen für uns – BILD sagt nein". Erste Proteste formierten sich.

Und dennoch wurde es ein denkwürdiger Wahlsieg, "wie ein unabwendbares Naturereignis", so Adenauers Biograf Hans-Peter Schwarz: Erst trat der Kanzler eine Lawine los, dann fing er diese unter "Aufbietung aller taktischen Künste" wieder auf, verwandelt zum Vorteil. Der Atomstreit riss die Bevölkerung aus ihrer Lethargie, der Kalte Krieg war plötzlich wieder aktuell, obwohl es seit 1955 Anzeichen von Entspannung gab. Auf einem Amerikabesuch im Mai 1957 wurde der Kanzler als Staatsmann von Weltrang von Präsident Eisenhower willkommen geheißen. Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein nannte Adenauer wütend einen "demagogischen Patriarchen".

Unter dem Wahlslogan "Keine Experimente" fuhr Adenauer am 15. September 1957 einen historischen Sieg ein: Absolute Mehrheit der Stimmen für die CDU/CSU, während die SPD mit Atomangst ("Es ist schon wieder fünf Minuten vor zwölf") zwar gepunktet hatte, aber längst nicht ausreichend, um die Regierung abzulösen. Die Mehrheit der Wähler entschied sich für die Sicherheit des Bewährten. Mit einer außenpolitischen Konfrontationsstrategie hatte Adenauer sein Lager zusammengeschweißt.

Können Wahlen über außenpolitische Fragen gewonnen werden? Nicht von der Opposition, wie die historische Erfahrung lehrt: Dominiert die Außenpolitik, profitiert die Regierung. Denn die Mehrheit stimmt fast immer fürs Bewährte.

Das ist paradox, denn Frieden ist ein Thema, das die Deutschen bewegt. Die Erinnerung an die beiden Weltkriege ist fest in unsere politische DNA eingeschrieben. In Umfragen zeigt sich konstant Skepsis gegenüber Rüstung, Atomwaffen sowie seit 1990 militärischen Auslandseinsätzen. Auch haben sich seit 1949 die Lager zunächst über den Streit über die Westbindung, später über die Ostpolitik ausdifferenziert, bei gleichzeitig hohem sozial- und innenpolitischem Konsens. Dies unterscheidet uns von westlichen Ländern wie Frankreich, USA, Großbritannien, aber auch vom Kaiserreich und der Weimarer Republik, wo innenpolitische Konfliktlinien dominieren.

Der "Kanzler des Vertrauens"

Politics stops at the water’s edge, sagen die Amerikaner: Doch dass politischer Streit an der Landesgrenze enden sollte, gilt eigentlich nur für die Opposition. Außenpolitik ist die Domäne der Regierung, sie setzt hier Akzente. Die Opposition lässt davon besser die Finger, wie auch das Beispiel der CDU/CSU in den 1970er Jahren zeigt. Sie tappte in die gleiche Falle wie in den 1950er Jahren die SPD, als sie mit lautem Getöse gegen Willy Brandts Ostpolitik Wahlkampf machte. Brandt borgte Adenauers altes Rezept: Er fuhr in die USA, wurde von Nixon auf Camp David empfangen. Der Präsident versicherte dem Kanzler, dass er Vertrauen in dessen Politik habe. Entspannung war nun einmal die Politik des Westens, die Union isolierte sich mit ihrer ostpolitischen Blockadehaltung.

"Kanzler des Vertrauens", so warb die SPD 1972 für Brandt, den sie als einen Garant der Stabilität inszenierte. Zwar besagten Umfragen, dass viele Deutsche einer völkerrechtlichen Anerkennung der DDR nie und nimmer zustimmen würden. Doch Brandt nährte, wie einst Adenauer, die Hoffnung auf eine Überwindung des Kalten Kriegs. Die SPD triumphierte in den "Willy-Wahlen" am 19. November 1972, wurde erstmals stärkste Partei. Die Union hatte sich um alle Chancen gebracht, als sie den international angesehenen Friedensnobelpreisträger Brandt des Ausverkaufs nationaler Interessen und naiver Vertrauensseligkeit gegenüber Moskau bezichtigte.

Der Wahlkampffisch

Fisch, ein siamesischer Kampffisch, wird in einem symmetrisch eingerichteten Becken durch sein Schwimmverhalten bis zur Bundestagswahl jeden Tag signalisieren, ob er Martin Schulz oder Angela Merkel mehr Chancen einräumt.

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1983 folgte Helmut Kohl (CDU) diesem Drehbuch. Als Oppositionsführer hatte er in seiner Partei für die Akzeptanz der Ostpolitik gesorgt. Als dann Anfang der 1980er Jahre mit dem Nato-Doppelbeschluss und dem sowjetischen Einmarsch in Afghanistan der Kalte Krieg zurückkehrte, stellte sich die Grundkonstante außenpolitischen Lagerstreits wieder ein. Die geplante Stationierung von atomaren Mittelstreckenraketen wurde von der Mehrheit der Deutschen abgelehnt. Dennoch gewann der Nachrüstungsbefürworter Kohl am 6. März 1983 sicher die Wahlen, indem er vor der "Illusion eines dritten Weges" und einer deutschen Sonderrolle zwischen Ost und West warnte. Nun präsentierte sich ein CDU-Kanzler als Garant der bewährten Bündnissolidarität. Und wieder votierten die Deutschen für Stabilität.

Der "deutsche Weg"

2002 zog dann Gerhard Schröder die außenpolitische Karte. Auch sein "deutscher Weg" stand für das Bewährte, für Kontinuität, Berechenbarkeit. Die Opposition schimpfte, der Kanzler zerstöre den heiligen Gral der deutsch-amerikanischen Freundschaft. Doch die Angriffe verpufften, schließlich lehnten auch viele Amerikaner Bushs Irak-Abenteuer ebenso vehement ab wie die meisten Deutschen.

2017 ist kein Jahr für außenpolitische Debatten, obwohl wir diese dringend führen müssten. Doch eine Diskussion über die Frage der europäischen Solidarität und die Zukunft der EU wird ängstlich vertagt, auch um das Thema Einwanderung ist es still geworden. Martin Schulz kann mit Appellen für mehr Europa gegen Angela Merkel nicht punkten, Horst Seehofer hat die Obergrenze aus seinem Wortschatz verbannt, selbst Alice Weidel von der AfD redet lieber über Dieselmotoren. Alle scheinen zu ahnen: Außenpolitischer Richtungsstreit würde nur der Kanzlerin nützen.