Dies ist ein Text unserer neuen Serie Fünf und der Fisch. Bis zur Bundestagswahl schreiben fünf Experten über Prognosen, Versprechen und Kampagnen. Und ein Fisch prognostiziert den nächsten Kanzler. Alle Informationen über die Serie finden Sie hier.

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Zurück aus dem Urlaub sehe ich die Wahlplakate in meiner Stadt. Auf dem Weg vom Flughafen nach Hause tönt es mir entgegen: "Gute Bildung", "Zukunft wird aus Mut gemacht", "Zeit für mehr Gerechtigkeit!" Oder: "Für ein Deutschland in dem wir gut und gerne leben". Einzig kontrovers: "Burkas? Wir steh‘n auf Bikinis" von der AfD.

Auch als ich am Sonntag das Wahlduell schaute, begegneten mir zwei Kandidaten, die sich bemerkenswert oft einig waren und ebenso bemerkenswert wenig über die Zukunft redeten. Es ging um Flüchtlinge, Muslime, Terroristen: um Minderheiten. Nicht um die Themen, die den Alltag der 81 Millionen Menschen in diesem Land prägen. Wo sind die mutigen politischen Forderungen für das 21. Jahrhundert? Warum fordert niemand das "Grundeinkommen für alle"? Oder: "Ausnahmsweise müssen auch Apple und Google Steuern zahlen in Europa"?   

Es heißt doch überall, dass wir in schwierigen und unübersichtlichen Zeiten leben. In Zeiten, in denen demokratische Errungenschaften wieder neu in Frage gestellt werden und ein populistischer Autoritarismus auf dem Vormarsch ist. Wieso spiegelt sich kaum etwas der zweifellos drängenden Zukunftsfragen im deutschen Wahlkampf wider? Als Angela Merkel im November 2016 ihre erneute Kanzlerkandidatur ankündigte, betonte sie, dass nun der  schwerste Wahlkampf seit der Wiedervereinigung vor ihr läge. Was ist daraus geworden?

Auch in den Talkshows, in denen Streit performative Grundvoraussetzung zu sein scheint, versuchen die Vertreterinnen und Vertreter der Parteien Wahlkampf zu führen. Wird es ernst, ist von Streit aber keine Spur mehr. Alle einigen sich schnell darauf, dass die AfD außerhalb des demokratischen Konsenses steht, was richtig ist. Und weiter?

Der Kanzlerkandidat der SPD, Martin Schulz, wettert gegen das deutsche Diesel-Kartel und Angela Merkel kontert in der Super Illu, sie könnte sich auch eine Quote für Elektroautos vorstellen. Beim Wähler entsteht der Eindruck, es herrsche gar kein Wahlkampf, sondern Konsens. Zu viel Konsens?

Ich schaue mir die Wahlprogramme der Parteien an und merke: Am mangelnden Dissens in den Wahlversprechen kann es nicht liegen. Schnell finden sich stichhaltige Unterscheidungen. Während die Union die Grenze zum Spitzensteuersatz anheben möchte, plädiert die SPD für die Einführung einer Erbschaftssteuer. Die SPD möchte die Bürgerversicherung – also eine Abschaffung des Zwei-Klassen-Versicherungssystems – wogegen sich wiederum die FDP vehement wehrt.

Die einzige Partei, die eine Agrarwende fordert, den Ausstieg aus Verbrennungsmotoren und die Rücknahme der Verschärfung des Asylgesetzes, sind die Grünen. Diese Liste lässt sich weiter führen. Woran liegt es also, dass es so scheint, als ob die Positionen der bisher dominierenden Parteien in der Öffentlichkeit zunehmend ununterscheidbarer werden? Warum gelingt es dem SPD-Kandidaten Schulz nicht, diese Unterschiede deutlich zu machen - selbst dann nicht, wenn er in einem Fernsehduell direkt auf seine politische Konkurrentin trifft?