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Der Blick auf die Wahlkreiskarte mit den Gewinnern der Zweitstimmen scheint auf den ersten Blick vertraute Muster zu zeigen. Doch neben dem gewohnten Schwarz, Rot und Violett fallen einzelne blaue Punkte im Osten auf. Sie stehen für den Erfolg der AfD und zeugen von einer Zäsur in der neuen Parteienlandschaft. Noch klarer wird der Erfolg der Rechtspopulisten, wenn man sich zusätzlich eine Wahlkreiskarte anschaut, die die jeweils zweitstärkste Partei zeigt.

Mit deutlichem Abstand zu Grünen, FDP und Linke zieht die AfD als drittstärkste Partei in den Bundestag ein. Die AfD erreicht bundesweit 12,6 Prozent. Am besten schneidet die Partei in Sachsen ab: Hier ist sie mit 27 Prozent der Stimmen stärkste Partei. In ganz Ostdeutschland (inklusive Ost-Berlin) kommt die Partei laut Infratest dimap auf etwa 21,5 Prozent und liegt damit hinter der CDU (26 Prozent) auf Platz zwei.

Wo kamen die Wähler her? Nach aktuellen Berechnungen der Demoskopen gaben 1,47 Millionen bisherige Nichtwähler ihre Stimme für die AfD. Das erklärt auch den Anstieg der Wahlbeteiligung auf 76,2 Prozent bei dieser Wahl (2013 lag der Wert bei 72,4 Prozent). Dazu kam eine Million bisherige CDU/CSU-Wähler, die nun ihre Zweitstimme den Rechtspopulisten gaben. Die Sozialdemokraten verloren 500.000 Wähler an die AfD, Die Linke rund 400.000.

Wählerwanderung

Auch eine andere Partei profitierte vom Schwächeln der Regierungspartei: Rund ein Drittel des Stimmenanteils der Liberalen stammt von bisherigen CDU/CSU-Wählern. Neben 1,6 Millionen enttäuschten oder strategischen CDU-Wählern hat die FDP auch viele Stimmen vom zweiten Großkoalitionär SPD dazugewinnen können (550.000). Zur FDP ist die zweithöchste Zahl von Nichtwählern gewandert (830.000).

Der FDP wird mitunter vorgeworfen, als "Partei der Besserverdienenden" aufzutreten. Fest steht: Sie ist definitiv in dieser Zielgruppe erfolgreich: Denn die Liberalen gewannen besonders viele Stimmen dort, wo private Hauhalte ein höheres Einkommen haben.

Vermögen und Wahlverhalten

Lesebeispiel: Je höher das private Einkommen ist, desto mehr Stimmen erhält die FDP in den Wahlkreisen. Oder: Je mehr Autos im Wahlkreis zugelassen sind, desto eher wird CDU/CSU gewählt. Diese soziodemograpischen Daten beziehen sich auf die Menschen im Wahlkreis, also nur zum Teil auf die dortigen Wähler.

Während die Grünen es weiterhin schaffen, Wählerinnen und Wähler in den größeren Städten zu gewinnen, gelang es der Union erneut nicht, diese Milieus für ihre Politik zu begeistern. Je dichter ein Wahlkreis besiedelt ist, desto weniger Erfolg haben die Christdemokraten bei den Zweitstimmen.

Wie haben die verschiedenen Altersgruppen gewählt? Nach Analysen der Forschungsgruppe Wahlen kommen AfD-Wähler vor allem aus der Altersgruppe der 30- bis 44-Jährigen und aus der Gruppe der 45- bis 59-Jährigen. Die anderen drei kleineren Parteien – FDP, Grüne, Die Linke – sind eher bei den jüngeren Wählern unter 30 Jahren und zwischen 30- bis 44 Jahren erfolgreich.

AfD holt die meisten Stimmen bei den 30 - 44jährigen

Quelle: Nachwahlbefragungen der Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF

Viele Studien haben in der Vergangenheit versucht herauszufinden, ob die AfD eine Partei der kleinen Leute ist oder ob – wie zuletzt AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel betonte – sich viele Akademiker und Besserverdienende unter ihren Anhängern finden. Die aktuellen Zahlen zeigen andere Ergebnisse. 

Wahlverhalten nach Bildungsabschluss

Quelle: Nachwahlbefragungen der Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF

Die meisten AfD-Wähler haben die mittlere Reife (17 Prozent), die zweitgrößte Gruppe sind Wähler mit Hauptschulabschluss aus (14 Prozent). Von den vier kleinen Parteien im neuen Bundestag ist das in beiden Gruppen der höchste Wert. Nur sieben Prozent der Hochschulabsolventen wählten die AfD. Das ist im Vergleich mit FDP, Die Linke und Grünen der niedrigste Wert. Bei den Berufen kamen AfD-Wähler vor allem aus der Gruppe der Arbeiter (19 Prozent), die zweitgrößte Gruppe machten die Selbstständigen aus (zwölf Prozent). Zum Vergleich: Die Linke wählten zehn Prozent der Arbeiter, die SPD 24 Prozent.

AfD stark bei den Arbeitern

Quelle: Nachwahlbefragungen der Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF

Apropos Arbeiter: Die SPD hatte die Forderung nach mehr sozialer Gerechtigkeit in den Mittelpunkt des Wahlkampfs gestellt. Doch 80 Prozent der Bundesbürger erklärten, die Partei sage nicht, was sie zur Umsetzung dieses Ziels konkret machen wolle. Nur 38 Prozent trauten den Sozialdemokraten noch zu, für soziale Gerechtigkeit zu sorgen. Bei diesem Punkt erreichte Die Linke mit 16 Prozent einen neuen Höchstwert. Sie punktete besonders in Wahlkreisen mit höheren Arbeitslosenquoten. Das Wahlergebnis zeigt: Gerade die Sozialdemokraten können sich nicht mehr auf die Stimmen der Arbeiterschaft – ihren früheren Stammwählern – verlassen.

Betrachten wir das Wahlverhalten von Männern und Frauen, liegt bei der Union eine große Differenz: Es stimmten deutlich mehr Frauen für die Partei der Kanzlerin. Bei den AfD-Wählern ist es genau anders herum: Hier dominieren die Männer.

Wen wählten Frauen und Männer?

Quelle: Nachwahlbefragungen der Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF

Der Unterschied im Wahlverhalten zwischen den Geschlechtern ist in Ostdeutschland besonders ausgeprägt. 26 Prozent erhielt die AfD laut Infratest dimap für die ARD hier von ostdeutschen Männern, 17 Prozent von ostdeutschen Frauen.

Das ZDF hat die Wähler nach den wichtigsten Problemen in Deutschland gefragt. 44 Prozent der Befragten nannten Flüchtlinge und Ausländer. Davon könnte die AfD profitiert haben, das Thema zieht sich durch ihr Wahlprogramm. Beim Thema Flüchtlinge trauen aber nur 13 Prozent der Befragten der AfD auch zu, Probleme zu lösen. Die Union kommt hier auf 35 Prozent, die SPD auf 15. 67 Prozent der ehemaligen CDU/CSU-Wähler stimmten in Nachwahlbefragungen von Infratest dimap der Aussage zu: "Die CDU vernachlässigt in der Flüchtlingspolitik die Sorgen der Menschen."

Nie zuvor waren so viele Bürger bis kurz vor der Bundestagswahl noch unentschlossen, wen sie wählen. Ende August hatte sich fast die Hälfte der Wähler noch nicht für eine Partei entschieden. Die Spätentschlossenen haben den Demoskopen zufolge eher für das rot-rot-grüne Lager und die FDP noch einen Unterschied gemacht. Bei diesen Parteien war der Stimmanteil unter den Spätentscheidern einige Prozentpunkt höher als beim gesamten Wahlergebnis. Die Union wählten dagegen nur 25 Prozent der Spätentscheider. Für die AfD hatten sich wohl die meisten Wähler schon weit früher entschlossen. Nur zehn Prozent der Spätentschlossenen stimmten für Rechtspopulisten. Neue Wähler brachten die Provokationen der AfD-Spitze in den Tagen vor dem Wahlsonntag zumindest nicht.

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