Der Bahnhof von Tettau ist seit 1993 dicht, in das Tal im Frankenwald fährt an Feiertagen nicht mal ein Bus. Die AfD hat es trotzdem hierher geschafft – in ihrem Schlepptau die Demonstranten. Vor einer Feldküche am Straßenrand lärmen 40 junge Leute mit Trillerpfeifen und Topfdeckeln, wollen "Rechtspopulisten mit Hefeschmalz überbacken" und empfehlen: "Nationalismus ist keine Alternative, Tofu schon." Neugierige beobachten den Menschenauflauf aus den Vorgärten ihrer schiefergedeckten Häuschen.

Mit dem Demonstranten-Tofu kommt das Tiefkühlschnitzel-Catering in der Festhalle Tettau nicht mit. In dem Mehrzwecksaal eine Straße weiter haben knapp 200 Menschen die Alternative Mitte gegründet. "Die Mitte hält Kurs", heißt es auf zwei blauen Transparenten auf der in rotem Samt verhüllten Bühne, das Logo gleicht einer rotblauen Kompassnadel.

Eingeladen war auch die jüngst ausgetretene AfD-Chefin Frauke Petry, die jetzt aber ein neues politisches Projekt plant; die politisch schwer zu verortende Fraktionschefin Alice Weidel hat wegen eines Infekts abgesagt. Gekommen sind AfD-Mitgründer Konrad Adam und Beatrix von Storch. Darüber hinaus sucht das Auge Hinweise auf die AfD vergebens, keine Flyer, keine Plakate, auch nicht die sonst üblichen Anstecknadeln an den Jacketts. Hier trägt auch keiner die scharfen Haarscheitel, die andere AfD-Treffen optisch so prägen.

"Für die Zukunft der AfD" – nur ein kleiner Hinweis unter der Bühnenkante zeigt, dass sich hier nicht eine neue Partei gründet, sondern eine parteiinterne Interessengemeinschaft. Die Alternative Mitte will ein Zusammenschluss sein für alle, die gerade das Vertrauen in die AfD verlieren. Hier organisieren sich die Liberal-Konservativen der Partei, die zwar gesellschaftspolitisch weit rechts stehen, denen der thüringische Nationalist Höcke aber dennoch zuwider ist und von dessen Freund Alexander Gauland, der jüngst die Wehrmachtssoldaten lobte, sie sich nicht mehr vertreten fühlen. Jene Nationalisten also, die zuletzt das Wort führten, die Debatten bestimmten, die mit ihrem Reden vom "Schuldkult", von "Mischvölkern" und ihren Machtfantasien ("Wenn wir kommen, dann wird aufgeräumt") die blaurote AfD ins bräunliche färbten. Wegen denen Demonstranten "Nazis!" skandieren, wo immer auch sich AfD-Mitglieder öffentlich zeigen.

Die Partei ist seit der Bundestagswahl in Bewegung geraten. Die ausgetretene Vorsitzende und ihr in NRW einflussreicher Ehemann Marcus Pretzell haben weitere Funktionäre mit sich genommen, ein Bundestagsabgeordneter verließ bereits die Fraktion. Der Frust über die "unbelehrbaren Rechtsausleger" bricht sich Bahn. Besonders groß ist er in Sachsen-Anhalt und Thüringen, dem Einflussgebiet Höckes, gegen den Petry ein Parteiausschlussverfahren einleitete. Nach Tettau gekommen sind aus ihren Fraktionen ausgetretene oder ausgeschlossene Landtagsabgeordnete, entmachtete Funktionäre, gekündigte AfD-Mitarbeiter, erfolglose Bundestagskandidaten. Sie beschreiben den "Igitt-Faktor" der Partei, sie sind es leid, sich in der Öffentlichkeit, am Arbeitsplatz oder in den Familien "rechtfertigen zu müssen für die Ausfälligkeiten einiger", wie der Ex-Kandidat Kay-Uwe Ziegler aus Sachsen-Anhalt beklagt. Petrys Parteiaustritt hat aber auch die Angst vor einer Machtübernahme der Nationalisten verstärkt: Sollten Höcke und Poggenburg die Hoheit über die Partei behalten, "werden wir enden wie die Schill-Partei", warnt Helmut Widder. Er sei ja Kreissprecher in Südthüringen, "mal sehn, wie lange noch – im Höcke-Land".

Hier im Festsaal in Tettau ruft keiner "Merkel muss weg" oder huldigt mit "Höcke,-Höcke"-Gebrüll der Autorität am Rednerpult. Die Zentrums-Alternativlinge sind vielmehr ein antiautoritäres Netzwerk, sie diskutieren halblaut an ihren Sitzplätzen die Thesen der Redner, selbst beim Rauchen vor der Tür geht es nicht ums Kennenlernen, sondern um Politik. Sie ärgern sich, weil sie auf der Fahrt nach Tettau ein Interview lasen, in dem Parteichef Meuthen auf autoritäre Weise Fraktionschefin Weidel als Kandidatin für die Bundesspitze ausschloss. Sie hätten lieber darüber diskutiert. Für sie zählt immer das Argument; jedenfalls fast immer: Als ein Redner im Saal den Höcke-Freund Poggenburg zitiert, Meinungsfreiheit sei "nicht grenzenlos", gibt es Buhrufe.

Thinktank der Partei

Die Alternative Mitte will den Geist Bernd Luckes in die Partei zurückholen – den Geist von 2013, als der Euro der Hauptfeind war und noch kaum Flüchtlinge da waren. Sie erhebt mit der Namensgebung "Mitte" den Anspruch, als die eigentliche AfD anerkannt zu werden. "Die Ränder sollen bleiben, wo sie sind", ruft Frank Hansel in den Saal. Der Parlamentarische Geschäftsführer der Berliner Abgeordnetenhaus-Fraktion kennt sich aus mit parteiinternen Brüchen. Am Abend nach der Abwahl Luckes 2015 in Essen haderte er mit seiner Partei. Lucke versuchte, Hansel für seine Weckruf-Bewegung zu gewinnen – am Ende erfolglos. Heute ist Hansel Mitgründer der Alternativen Mitte, diesem Thinktank der Partei, der sich als Gegenentwurf zu den Kubitscheks und Höckes versteht, die Brücken zu Pegida schlagen und die völkische Identitäre Bewegung in die AfD integrieren wollen.

Doch die Nationalisten lassen sich nicht so einfach entsorgen, sie ziehen die Legitimation für ihren Ethnopatriotismus aus der Flüchtlingskrise. In der AfD kann es deshalb kein "die-oder-wir" geben, sondern nur eine Balance zwischen Nationalkonservativen und dem liberal-konservativen Teil der Partei. So sieht es jedenfalls Beatrix von Storch, die in ihrer Rede für ein "Gleichgewicht der verschiedenen Lager" wirbt. "Beide Lager müssen reden." Dann spricht sie über die "historische Verantwortung aus der NS-Zeit", dem Bekenntnis zu Israel und roten Linien, die man beachten müsse. Die Alternative Mitte hat von Storch vor allem eingeladen, um sich an ihr zu reiben. Im Bundestagswahlkampf lud sie den britischen Rechtsnationalisten Nigel Farage nach Berlin. Und nicht vergessen ist auch ihre Forderung nach einer "deutschen Nationalmannschaft", kurz nachdem Gauland sich 2016 rassistisch über den Nationalspieler Boateng ausgelassen hatte. Zeit für Diskussion darüber bleibt in Tettau nicht, von Storch eilt von der Bühne direkt ins Europaparlament nach Straßburg – zu ihrer letzten Fraktionssitzung vor dem Wechsel in den Bundestag.

Das neue Netzwerk der AfD-Liberalen macht die Nationalisten bereits nervös. Der Flügel um Höcke und die Anhänger der Patriotischen Plattform tagten bisher unangefochten am Kyffhäuser-Denkmal oder auf dem Landgut des neurechten Vordenkers Götz Kubitschek. Mit der Alternativen Mitte gibt es nun erstmals organisierte Konkurrenz. Es dauerte nur Stunden, bis Plattform-Sprecher Tillschneider ihr den Kampf ansagte: "Alice Weidel, Konrad Adam und Beatrix von Storch haben sich schon zur sogenannten Alternativen Mitte bekannt", postete Tillschneider in eine mitgliederstarke Facebook-Gruppe. Dadurch wandele sich der Zusammenschluss "von einem Petry-Unterstützerverein" in eine Bewegung gegen den nationalkonservativen Flügel um Björn Höcke "und natürlich auch die Patriotische Plattform". Den "naiven Bewunderern" Petrys und Pretzells werde man die Hand reichen, schreibt Tillschneider weiter. Doch für Anhänger des ausgetretenen, "intriganten, machtversessenen und bis ins Mark verdorbenen Paares" dürfe es "kein Generalpardon" geben.

Uwe Witt hat die Mitteilung in seinem Smartphone entdeckt. Als der nordrhein-westfälische Bundestagsabgeordnete diese Kriegserklärung von der Bühne aus vorträgt, wird an den Tischen im Saal klar: Die Nationalisten werden nicht leicht einzuhegen sein. Der gegen Petry gerichtete, verachtende Tonfall wird auch andere treffen. Die Gegner werden unannehmbare Bedingungen stellen: Man sei bereit, die Alternative Mitte "als legitime Repräsentantin des liberalen Flügels anzuerkennen", schrieb Tillschneider. Allerdings nur, wenn deren führende Vertreter sich "unmißverständlich dafür aussprechen, daß das Ausschlußverfahren gegen Björn Höcke eingestellt und der törichte Abgrenzungsbeschluß zur Identitären Bewegung aufgehoben wird" (alte Rechtschreibung im Original).

Zuletzt war es gut gelaufen für die Gemäßigten: Mit dem Politprofi Gauland haben die Nationalkonservativen zwar einen Gewährsmann an der Bundestags-Fraktionsspitze. Doch in den weiteren Wahlgängen zur Fraktionsführung fielen ihre Vertreter durch, selbst ein Wunschkandidat von Co-Chefin Weidel wurde abgelehnt. Doch im Dezember steht für die AfD eine wichtige Richtungsentscheidung an. Da wird der Bundesvorstand neu gewählt, neu besetzt wird auch das bisher von Liberalen dominierte Bundesschiedsgericht, das über Parteiausschlüsse entscheidet. Wenn die Alternative Mitte sich bis dahin nicht tief in der Partei verankert, werden sich die Hardliner durchsetzen.