Ein paar Tage nach der Wahl, die Deutschland so erschüttert hat, macht das Stadtzentrum im ostsächsischen Zittau einen ganz unaufgeregten Eindruck. Auf dem frisch geputzten Marktplatz winken Rentner in die Frühherbstssonne. Der Mann am Kiosk lächelt und sagt was Liebes, als er die Bild-Zeitung mit der fetten Schlagzeile "Darum sind die Ostmänner so wütend" rausgibt.

Um Zittau zu erreichen, muss man sich ganz schön strecken – wie im Schrank nach einer lange nicht getragenen Jeans. Ganz hinten, ganz unten liegt es, hinter Dresden, hinter Görlitz, im Dreiländereck mit Polen und Tschechien, diese zauberhafte kleine Stadt, von der aus die Schmalspurdampflok ins Zittauer Gebirge rattert. Sehr idyllisch ist es hier, und sehr arm. Kein Widerspruch im durchsanierten Osten.

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Zittau liegt im Wahlkreis Görlitz, der sich über hundert Kilometer entlang der polnischen Grenze erstreckt und in ziemlich vielen Dingen Spitze ist in Deutschland. Er hat die ältesten Wähler und unter diesen Älteren herrscht die bundesweit höchste Arbeitslosigkeit. Außerdem haben seine Einwohner das niedrigste verfügbare Bruttoeinkommen in ganz Deutschland. Nun haben sie für eines der bundesweit besten AfD-Ergebnisse gesorgt. Sogar in Sachsen stach der Wahlkreis heraus. Und das will was heißen.

Wie ein großer blauer See ziehen sich die Wahlerfolge der AfD über Sachsens politische Landkarte. Landesweit ist die AfD stärkste Kraft bei den Zweitstimmen, in den östlichen Grenzregionen gab es sogar Direktmandate: in Bautzen, der Sächsischen Schweiz und eben im Wahlkreis Görlitz. Eine stramm rechte Union, deren stärkster Gegner nicht die bedeutungslos gewordene Linke, sondern eine noch rechtere Partei ist. Das mag für ganz Deutschland ein fernes, düsteres Szenario sein. In Sachsen ist es Realität. 

Wie sich das anfühlt, die AfD als Mehrheitspartei, spürt man am besten, wenn man auf der B 96, die in Zittau beginnt, durch Sachsen fährt. In den meisten Dörfern hat nur eine Partei Plakate aufgehängt. Vor Fachwerkhäusern und Autowerkstätten, vor Rauputzhäusern und Pferdeweiden hängt das immer gleiche Bild des erfolgreichen Direktkandidaten der AfD, des braven Malermeisters Tino Chrupalla, seine Augen blau, die Frisur ordentlich gebürstet, der Blick gleichzeitig aufsässig und gelassen. Darunter die Losungen, die zurzeit so angesagt sind: Mut zur Wahrheit, Deutschland zuerst. Land zurückholen, Grenzkriminalität beenden.

Autos stehen hier nicht sicher

Das Thema Grenzkriminalität hat Chrupalla sich nicht etwa einfallen lassen. Seit 2007 gibt es an den EU-Außengrenzen keine Kontrollen mehr, doch nicht erst seitdem stehen Autos in der Region nirgends richtig sicher. Wie überall entlang der Grenzen zu Polen und Tschechien sind auch im Dreiländereck internationale Diebesbanden unterwegs, hinzu kommen der Handel mit Crystal Meth und anderen Drogen aus Osteuropa, die in den ländlichen Räumen Sachsens jede Menge Abnehmer finden. 

Chrupalla, der jetzt Abgeordneter in Berlin ist, versucht gerade das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus im Regierungsviertel zu finden, und nun soll er auch noch am Telefon erzählen, warum er so erfolgreich war. Die Grenze sei das Thema Nummer eins gewesen, sagt er, noch vor den Flüchtlingen. Jeden Tag verschwänden Autos im Landkreis, sagt Chrupalla, und fordert, dass es wieder Grenzkontrollen gibt. Auf die Frage, ob das nicht zu Staus und Abschottung führe, ruft er in den Berliner Straßenlärm, dass das bisschen Warten an der Passkontrolle doch wohl kein Problem sei. Früher habe das doch auch funktioniert. 

Die da drüben

Chrupalla sagt, dass die Leute das Gefühl hätten, abgehängt zu sein. Drüben in Breslau würden Millionen EU-Fördermittel dafür ausgegeben, dass deutsche Unternehmen dort Arbeitsplätze schafften, aber wer denke denn an Ostsachsen? Die CDU jedenfalls nicht.

Man muss wissen, dass Chrupalla gegen einen der Großen in der CDU gewann: Den sächsischen Generalsekretär und Unionsfraktionsvize im Bundestag, Michael Kretschmer. Dass er nun kein Abgeordneter mehr ist, macht vielen in der Region Sorgen, weil es Kretschmers unumstrittenes Verdienst war, dass er für den Landkreis immer wieder sehr erfolgreich Fördermittel lockermachte. Bisher hatte der Landkreis Görlitz einen Mann in der Nähe der Kanzlerin, nun hat er einen völlig unbekannten AfD-Abgeordneten, der höchstens das Ohr von Alexander Gauland hat.