Die AfD will provozieren. Sie hat für die heutige konstituierende Sitzung des neuen Bundestags den rechtskonservativen Abgeordneten Albrecht Glaser für das Amt des Parlamentsvizepräsidenten nominiert. Und sie hält an ihm fest, nicht obwohl, sondern weil sie weiß, dass die anderen Fraktionen ihn wegen seiner Angriffe auf den islamischen Glauben ablehnen. Das soll die AfD gleich zu Beginn in eine Opferrolle bringen, nach dem Motto: "Seht her, wir haben es doch gewusst!"

Der AfD-Fraktionsvorsitzende und Vizeparteichef Alexander Gauland hat angekündigt, dass seine Partei Glaser erneut ins Rennen schicken wird, sollte er wie zu erwarten in der ersten Runde durchfallen. Notfalls wohl bis zur dritten und weiteren Abstimmungen, in der die einfache Mehrheit genügt. Aber auch die wird Glaser nicht bekommen.

Es ist eine ausgeklügelte Strategie, mit der die AfD demonstrieren will, dass die Altparteien ihr als behauptetes Sprachrohr des Volkes angeblich von Anfang an ihre Rechte verweigern. Das soll ihr weitere Zustimmung bringen, nicht nur unter Gegnern und Kritikern des Islam, sondern bei allen, die der etablierten Politik kritisch bis ablehnend gegenüberstehen.

Die übrigen Parteien und Fraktionen stecken in einem Dilemma. Gehen sie auf Gaulands provokantes Spiel ein und verweigern Glaser die Wahl ins Bundestagspräsidium, stützen sie indirekt die Strategie der AfD. Würden sie ihn hingegen akzeptieren, könnte man ihnen zu Recht vorwerfen, jemand in die Spitze der obersten demokratischen Vertretung zu wählen, der Grundregeln ebendieser Demokratie missachtet.

Unstrittig ist, dass der AfD als drittstärkster Fraktion nach der Geschäftsordnung des Bundestags einer der Stellvertreterposten im Parlamentspräsidium zusteht. Ebenso klar ist aber auch, dass die übrigen Abgeordneten nicht jeden Kandidaten wählen müssen, den eine Fraktion präsentiert. Zumal einen, der sich mit fragwürdigen Äußerungen zum Angriffsziel gemacht hat. Denn alle Mitglieder des Präsidiums müssen die Sitzungen des Parlaments überparteilich und möglichst neutral leiten. Sie sollten also keine Scharfmacher und Exponenten einer extremen politischen Richtung sein.

Genau ein solcher Politiker ist Glaser jedoch, selbst wenn er sich als "Musterdemokrat" bezeichnet. Mit seinen islamfeindlichen Bemerkungen hat er sich selbst außerhalb der Verfassung gestellt – wie nicht wenige in seiner Partei.

Deutliche Kritik am Islam wie an anderen Religionen ist in Deutschland erlaubt, anders als in vielen muslimisch geprägten Ländern. Gerade das zeigt den demokratischen Charakter dieses Staates, der die Meinungsfreiheit achtet, im Rahmen der Verfassung und der Gesetze.