SPD-Fraktionschefin Andrea Nahles will sich auch persönlich ändern, um in ihrer neuen Rolle zu bestehen. "Oppositionsführerin zu sein, ist eine große Verantwortung. In der ersten Reihe zu stehen, bringt viele Veränderungen mit sich", sagte die Politikerin im Interview mit der ZEIT.

Die SPD hatte bei der Bundestagswahl eine herbe Wahlniederlage hinnehmen müssen und sich noch am Wahlabend für den Gang in die Opposition entschlossen. Damit werden die Sozialdemokraten die größte Oppositionsfraktion stellen. Auf Vorschlag von Kanzlerkandidat und Parteichef Martin Schulz wurde Nahles zur Vorsitzenden der Bundestagsfraktion gewählt.  

"Das fängt schon damit an, dass ich nun wieder stärker nach Äußerlichkeiten bewertet werde: Kleidung, Haare, all diese Themen, die kommen, sobald eine Frau an der Spitze steht. Ich bin aber bereit, diese Rolle anzunehmen, mich herauszufordern – und mich auch zu verändern, da, wo es notwendig ist."

Mit jedem neuen Job habe sie etwas dazugelernt, sagte Nahles. "Als Juso-Vorsitzende war ich vor allem Juso, als Generalsekretärin war ich Generalistin, als Fachministerin Expertin – und jetzt habe ich die ganze Bandbreite der Politik vor mir und muss mir vor allem in außenpolitischen Themen noch manches draufschaffen. Aber ich muss auch ganz persönlich an mir arbeiten: Rhetorik, Stimme – für eine Oppositionsführerin ist das noch wichtiger als für eine Ministerin", sagte die 47-Jährige.

"Die bittere Wahrheit"

Verändern soll sich nach Nahles' Ansicht aber auch die SPD. Sie wolle eine offensivere Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus führen und das Profil ihrer Partei schärfen, sagte sie. "Die bittere Wahrheit ist doch: Wir haben kein klares Profil!", sagte Nahles.

"Für mich lautet die Botschaft: Raus aus dem kleinen Karo!" Die SPD müsse wieder grundsätzlicher werden und "ein Ort großer gesellschaftlicher Debatten sein". Als Beispiel nannte Nahles den Diskurs über den digitalen Kapitalismus, der dabei sei, auch in Deutschland ein brutales Wettbewerbsmodell einzuführen.

Im digitalen Kapitalismus seien "einige De-facto-Monopolisten" darauf ausgerichtet, ganze Branchen zu vereinnahmen und neue Spielregeln durchzusetzen. Bei manchen Äußerungen, etwa des Amazon-Chefs Jeff Bezos, handele es sich um "Frühkapitalismus im neuen Kleid", so Nahles. Es dürfe nicht hingenommen werden, dass digitale Geräte und Algorithmen Arbeiter kontrollierten.