Wie sich die Ereignisse gleichen: 2015 vergingen nach der Abwahl von Bernd Lucke zwei Wochen, bis der Ex-Chef der rechtspopulistischen AfD mit weiteren Abtrünnigen unter dem Namen Alfa eine neue Partei gründete. Zwei Jahre später dauert es wieder nur zwei Wochen, bis Frauke Petry ihr neues politisches Projekt präsentiert: Die aus der AfD ausgetretene Lucke-Nachfolgerin will in einem Bürgerforum Die blaue Wende konservative Politik machen, ohne nationalistische Töne anzuschlagen. "Frei und konservativ" ist der Slogan – eine Art liberale AfD. Petry hat jetzt einen ersten Programmentwurf veröffentlicht. Die Website zeigt sie, allein, in dunkelblauem Blazer, mit, wie es scheint, befreitem Lächeln. Ein Link fordert Interessierte zum Registrieren auf. Ostdeutsche lockt sie mit dem Verweis auf die Wende von 1989, Westdeutsche mit der "geistig-moralischen Wende" Helmut Kohls.

Interessant ist der Weg, den Petry für ihre politische Selbstverwirklichung wählt: Das Bürgerforum soll der aktive Teil des Projekts werden: Es soll Interessierte binden, die sich – ohne Parteimitgliedschaft und Ortsverbandssitzungen – auf Zeit für politische Vorhaben einsetzen. Menschen, die bereit sind, etwas zu leisten, Menschen, "die der Politik nicht ihr ganzes Leben widmen wollen, nach dem Motto: Kreißsaal, Hörsaal, Plenarsaal", wie Petry sagt.

Die Blaue Partei steht insofern zunächst im Hintergrund. Ihre Programmatik gleicht der der Bürgerbewegung. Weder Petry noch ihr Mann sind unter den Gründungsmitgliedern, im Gespräch mit ZEIT ONLINE sagte sie: "Ich werde der Blauen Partei demnächst beitreten." Die Partei verließe den Schatten erst dann, wenn Petrys Anhänger auf Bundesebene zu Wahlen antreten wollten. Denn Bewegungen können keine Kandidaten aufstellen, dafür braucht es die Partei. Die nächste Bundestagswahl ist 2021. Die Arbeit soll im November beginnen: In Sachsen lädt Petry dann zum ersten Bürgerforum, bundesweite Treffen sind angekündigt.

Blau als Farbe, da liegen die Ähnlichkeiten nah: Blau ist die Farbe der Freiheitlichen in Österreich, zu denen Petry als AfD-Bundessprecherin im Austausch stand. In der Blauen Wende findet sich neben dem dunklen Ton auch das helle Türkis der AfD. Viele derer Maximen gehören auch zu dem noch unscharf gehaltenen Rumpfprogramm der Blauen Wende: Die Rückabwicklung der EU zu souveränen Nationalstaaten, die Abkehr von der Währungsgemeinschaft, das Bargeld, eine "hohe Geburtenrate" oder das Ende des Grundrechts auf Asyl. Den Islam sieht die Bewegung als Religion mit politischem Anspruch, der "unserer Identität" widerspreche.  

Petry will ihre neue Bewegung aber von der AfD abgegrenzt wissen: "Außenpolitisch lehnt die Blaue Partei eine einseitige Hinwendung nach Russland ab", sagte sie ZEIT ONLINE. "Sie tritt dafür ein, zusammen mit den Vereinigten Staaten von Amerika als auch mit Russland und weiteren Bündnispartnern eine gemeinsame Sicherheitsarchitektur zu schaffen." Als eindeutiges Unterscheidungsmerkmal sieht sie "das klare Bekenntnis zu Israel".

Darüber hinaus befürwortet Petry mit ihrer neuen Partei Freihandelsabkommen – "vorzugsweise multilateraler Natur". Die AfD vertritt das Gegenteil. Sozialpolitisch lehnt die Blaue Partei den Mindestlohn ab, die AfD sprach sich auf dem Stuttgarter Programmparteitag dafür aus. Petry findet "ein aktivierendes Grundeinkommen" gut, die AfD hält das für untauglich.

Mit Lucke verließen vor zwei Jahren mehrere Hundert Mitglieder die AfD. Derzeit hält sich die Flucht aus der AfD in Grenzen. Neben Petry wird der NRW-Abgeordnete Mario Mieruch fraktionslos im Bundestag sitzen – er war im Dissens aus der Fraktion ausgetreten. In den Bundesländern verließen seit der Wahl etwa 20 AfD-Mitglieder ihre Vorstandsposten oder erklärten ihren Parteiaustritt, zuletzt der sächsische Abgeordnete Gunter Wild.

Die Faszination des Aufbruchs überstrahlt derzeit die meisten Differenzen. Die Gemäßigten der AfD schöpfen Hoffnung, seit sie in der Fraktion wichtige Führungsposten besetzen konnten. Zudem organisieren sich die Gegner der Höckianer derzeit in der Alternativen Mitte – einer innerparteilichen Interessengemeinschaft, die sich als Gegengewicht zu den Nationalkonservativen versteht. Den innerparteilichen Zusammenhalt stärkte in den ersten Tagen auch der gemeinsame Frust auf Petry: Mit ihrem unangekündigten Rückzug hatte sie selbst mit ihr verbundende Abgeordnete irritiert.

Wie Lucke hatte dabei auch Petry die Vorbereitungen zum Ausstieg früh begonnen. Sie gab mehrfach zu erkennen, ihr Verzicht auf die Fraktionsmitgliedschaft im Bundestag sei keine spontane Entscheidung gewesen. Schon um den Bundesparteitag im April herum war von einem Plan B die Rede, sollte Petry mit dem von ihr eingebrachten Zukunftsantrag scheitern, mit dem sie die AfD auf Regierungskurs bringen wollte. Petry scheiterte, seitdem ging es für sie bergab. Mitte September gründeten drei ebenfalls aus der AfD ausgetretene Vertraute Die Blaue Partei: der sächsische Jurist Michael Muster, Ehemann einer Landtagsabgeordneten, Thomas Strobel, ehemals AfD-Landesgeschäftsführer in Sachsen und der Grimmaer Augenarzt Hubertus von Below, Chef der Christen in der AfD, der zuvor in der CDU war. Alle drei traten aus der AfD aus. Zwei Tage nach der Bundestagswahl gingen die Gründungsunterlagen beim Bundeswahlleiter ein.

Auch bei Lucke waren Strategietreffen des von ihm gegründeten Weckruf-Vereins kurz vor dem Parteitag von 2015 bekannt geworden. Eines der Treffen findet sich bis heute als Audiomitschnitt im Netz – verbreitet unter anderem durch den Facebook-Account Blaueswunder2013. Luckes in LKR umbenannte Partei ist heute politisch so bedeutungslos, dass sie nicht mal zur Bundestagswahl antrat. Dienen könnte sie der Wiederwahl Luckes und weitere Mitstreiter zur nächsten Europawahl – für ein Mandat reicht hier ein Prozent der Stimmen.

Frauke Petry hat Bernd Luckes Geschichte bisher nicht abgeschreckt.