Die Ablehnung zwischen FDP und Grünen hat Tradition. Schon Ende der 70er, als die Grünen sich gründeten, sahen die Liberalen in der Umweltpartei einen direkten Konkurrenten. Die gegenseitige Abneigung hat sich gehalten: Märchenerzähler, Lügner, Menschenfeinde – das sind nur ein paar der Beispiele dafür, wie sich FDP und Grüne im Wahlkampf bezeichneten. In einer Jamaika-Regierung müssten beide Parteien nun zusammenkommen. Wir haben mit Konstantin Kuhle (FDP) und Anna Christmann (Bündnis 90/Die Grünen) gesprochen, ob das funktionieren kann. Beide sind zum ersten Mal in den Bundestag eingezogen und sind nicht durch jahrzentelangen politischen Streit vorbelastet.

ZEIT ONLINE: Die Union ist seit der Bundestagswahl mit sich selbst beschäftigt, jetzt wird in den Sondierungsgesprächen über Inhalte gesprochen. Steht am Ende ein grün-liberaler Koalitionsvertrag? 

Konstantin Kuhle: Ich hoffe doch. Wir sind zwar nicht immer einer Meinung mit den Grünen, aber beide Parteien haben zumindest Konzepte, über die man streiten kann. CDU und CSU haben meist nicht einmal das. Das stört mich – macht die Verhandlungen aber auch spannend.

ZEIT ONLINE: Eines der wenigen Unionsthemen ist die Obergrenze. Müssen Sie die jetzt schlucken?

Anna Christmann: Bei dem Thema hat die Union etwas länger gebraucht, um sich zu einigen. Das heißt aber nicht, dass dies das einzige wichtige Thema ist, bei dem wir mit unterschiedlicher Auffassung in die Gespräche gehen.

Kuhle: Ich finde es schön, dass sich CDU/CSU wenigstens bei diesem Thema geeinigt haben. Das Papier lässt aber viel offen, das kann allein deshalb nicht das finale Ergebnis sein.

ZEIT ONLINE: Welche Kernideen werden sie denn in eine mögliche Regierung einbringen?

Christmann: Entscheidend sind für uns die Themen Umwelt, Europa und Gerechtigkeit. Eine Koalition muss da deutliche Fortschritte erzielen.

Kuhle: Für uns sind das Migration, Digitalisierung und Bildung.

Anna Christmann (*1983) ist Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen. Sie vertritt den Wahlkreis Stuttgart II. Christmann hat Politikwissenschaft, VWL und Mathematik studiert und an der Universität Bern promoviert. Zuletzt arbeitete sie als Referentin im Wissenschaftsministerium Baden-Württemberg. © Andreas Prost für ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE: Sie haben keine Überschneidungen bei Ihren drei genannten Themen. Wie kann verhindert werden, dass da jeder einen Alleingang macht?

Kuhle: Europa, Gerechtigkeit und ... was war‘s?

Christmann: Umwelt!

Kuhle: Ah, genau. Na ja, wir haben natürlich auch ein Europa-, Sozial- und Umweltprogramm. Auch da werden wir auch unsere Interessen einfließen lassen. Aber es ist klar, dass es Bereiche gibt, in denen der eine oder andere zurückstecken muss. Ich finde es also gut, dass wir unterschiedliche Themen genannt haben. Unterschiede sind ja auch wichtig.

Christmann: Nur weil sich eine Partei stärker um ein Thema kümmert, heißt das nicht, dass es ein Konfliktthema sein muss. Gerade bei Bildung und Digitalisierung gibt es große Schnittmengen. Und auch bei der Grundhaltung, dass wir einen Modernisierungsschub brauchen. Das eint Grüne und FDP sicher – also in der Zielsetzung zumindest. Über den Weg sind wir uns nicht so einig.

ZEIT ONLINE: Für welches gemeinsame Projekt könnte eine Jamaika-Regierung stehen?

Christmann: Ich wünsche mir, dass Jamaika zu einem Demokratieprojekt wird. Es wäre wichtig, dass in Deutschland auch Parteien unterschiedlicher Lager zusammenkommen können, um aus gemeinsamer Verantwortung dieses Land gut zu regieren.

Kuhle: Ich würde mir wünschen, dass ein möglicher Koalitionsvertrag stark von den Begriffen Optimismus und Modernität geprägt ist. Ob die dann so drinstehen, werden wir am Ende sehen.

Konstantin Kuhle (*1989) ist Bundesvorsitzender der FDP-nahen Jugendorganisation Junge Liberale und seit Kurzem Bundestagsabgeordneter der FDP. Er vertritt den Wahlkreis Göttingen. Kuhle ist Beisitzer im FDP-Bundesvorstand, er arbeitete zuletzt als Jurist. © Andreas Prost für ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE: Sie beide sind neu in den Bundestag eingezogen und kennen die alten Kämpfe zwischen der grünen Gründergeneration und der alten FDP nicht mehr. Aus welchem Grund sind Sie eigentlich damals in Ihre Partei eingetreten – und nicht in die jeweils andere?

Kuhle: Ich bin als Jugendlicher in einem kleinen Dorf in Niedersachsen über die Bildungspolitik zur FDP gekommen. Die Liberalen haben damals mehr Autonomie für Schulen und Universitäten gefordert, das fand ich gut. Grüne gab es dort noch keine, der Ortsverband hat sich erst nach Fukushima gegründet. Und bei denen ist dann eher die Generation 60+ vertreten. Bei der FDP mag ich es, dass ich auch als junger Mensch ernst genommen werde.

Christmann: Für mich waren die Grünen immer eine Zukunftspartei. Deshalb bin ich eingetreten. Die Frage, wie wir noch in 60 Jahren gut auf diesem Planeten leben können – das ist die Grundidentität der Grünen. Für mich war aber auch immer wichtig, dass die Grünen eine Freiheitspartei sind.

ZEIT ONLINE: Warum Freiheitspartei?

Christmann: In dem Sinne, dass wir dafür eintreten, dass jeder so leben kann, wie er es für richtig hält. Es geht uns darum, dass der Staat die Aufgabe hat, diese Freiheit zu gewähren und Rahmenbedingungen zu setzen.