"Heute geht es also echt los", sagt CSU-Chef Horst Seehofer zu den wartenden Journalisten. In der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft – gleich gegenüber des Reichstagsgebäudes in Berlin – hat sich erstmals die große Sondierungsgruppe von Union, FDP und Grünen versammelt, um die Möglichkeiten einer Jamaika-Regierung zu sondieren. Bald hört man aus der Runde, die Atmosphäre sei "offen", "konstruktiv" und "konzentriert", der gute Wille sei spürbar. 

Um 16.30 Uhr hatte das Treffen begonnen, von den vielen Delegationen war als Erstes jene 14-köpfige Verhandlungsgruppe der Grünen gekommen. Vorneweg: Die Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckart, die den Journalisten "Klimaschutz" als wichtiges Thema für eine Regierungsbildung zuruft. Plötzlich schwenken die Kameras, hinter der Grünen ist am Ende des Flurs die Bundeskanzlerin zu sehen. Bundeskanzlerin Angela Merkel läuft– begleitet von vielen Unionspolitikern – auf die Kameras zu, dreht aber schnell ab, als sie Göring-Eckardt sieht – wohl um ihr den Vortritt vor den Kameras zu lassen.

Wer hat das letzte Wort?

Später gibt die CDU-Vorsitzende gemeinsam mit Seehofer ein Statement ab: Es werde bei den Sondierungen sicher "viele Differenzen" geben, sagt Merkel. Seehofer will vor allem über Migration und Flüchtlinge reden. Als Bayerns Ministerpräsident dann mit einem "Ich bin zuversichtlich" schließt, mag Merkel ihm das letzte Wort doch nicht so ganz gönnen – und spricht rasch ein "Ich auch" in die Kameras. FDP-Chef Christian Lindner jedenfalls bringt dann noch ein weiteres Knackpunktthema an: die Digitalisierung.

Doch konkret verhandelt werden soll diesmal noch nicht. Das Treffen dient eher dem Kennenlernen der großen Verhandlungsgruppe, zu der beispielsweise für die Grünen auch Schleswig-Holsteins Energieminister Robert Habeck und die ehemalige Parteichefin Claudia Roth gehören. Für die CDU sitzen auch die Ministerpräsidenten Annegret Kramp-Karrenbauer, Daniel Günther und Reiner Haseloff mit am Tisch. Die CSU schickt unter anderem den Augsburger Oberbürgermeister Kurt Gribl und die bayerische Landtagspräsidentin Barbara Stamm.

Als Merkel und die anderen im Kaisersaal der Parlamentarischen Gesellschaft Platz nehmen, sind Buffet – Currywurst, Bouletten und Schnitzelchen nebst Karotten-Ingwer-Suppe, Lachsfilet und Roter Grütze – und Sitzordnung fein austariert. Der Kanzlerin hat man Christian Lindner gegenübergesetzt, Seehofer findet sich vis-à-vis von Katrin Göring-Eckardt. Dann eröffnet die Kanzlerin die Sitzung und präsentiert eine Tagesordnung, die Insider als typisch Merkelsches Verfahren für schwierige Fälle beschreiben. Alle Seiten benennen noch mal ihre Hauptprobleme, nacheinander und jeweils zugeschnitten auf die zwölf zentralen Themenblöcke, die die Generalsekretäre der Parteien zuvor definiert hatten. Für jede Seite spricht ein Unterhändler, maximal drei, vier Minuten lang. Nur insgesamt 20 Minuten sind für die einzelnen Oberthemen eingeplant – für die Generalaussprache soll das reichen.

Am Ende – viele Beobachter rechnen damit erst spät in der Nacht – will die Runde festgelegt haben, welche Themen dann in der kommenden Woche erstmals gründlicher verhandelt werden sollen. Gut möglich, dass schon am kommenden Dienstag einer der größeren Streitpunkte aufgerufen wird: der Komplex Finanzen, Haushalt, Steuern. Ein Verhandlungsteilnehmer der Union hält das für "sehr sinnvoll". Gleich zu Beginn müsse sich die Runde fragen, wie sie es mit der schwarzen Null im Haushalt hält, ob sie also so wie die bisherige große Koalition keine neuen Schulden machen will

"Ran die Arbeit"

Bis Anfang November sind fünf weitere Termine angesetzt, nach und nach werden die Emissäre der Parteien den langen Weg nach Jamaika abschreiten. Wohlgemerkt: All diese Sondierungsrunden sind formal nur Vorgespräche. Sollten sich Union, FDP und Grüne dafür entscheiden, dass sich Koalitionsverhandlungen tatsächlich lohnen, sprechen auch die Parteien wieder mit. Die CSU und die Grünen wollen auf Parteitagen um das Ja ihrer Basis werben, irgendwann Mitte, Ende November soll es so weit sein. Undenkbar, dass dann nicht schon erste konkrete Vereinbarungen stehen, anders könnten Göring-Eckardt, Özdemir und die übrigen aus der Grünen-Spitze die vielen skeptischen Mitglieder nicht überzeugen.

Bis dahin arbeiten sich mehr als 50 Unterhändler an insgesamt 12 Themenblöcken ab: Neben den Finanzen steht da "Europa", "Klima, Energie, Umwelt" oder "Flucht, Asyl, Migration, Integration". Schwierige, langwierige Gespräche, prophezeien viele. "Und jetzt heißt es: Ran die Arbeit", fasst es die Kanzlerin zusammen. Sollte es gelingen, tatsächlich mehr Einendes denn Trennendes zu formulieren, soll ein Koalitionsvertrag spätestens zu Weihnachten druckreif sein. 

"Es war heute eine politische Generaldebatte. Mit Blitzen, mit einigen Geistesblitzen, mit ein paar dunklen Wolken. Aber der Donner ist ausgeblieben."
Der Politische Bundesgeschäftsführer der Grünen, Michael Kellner

Das erste Treffen der großen Sondierungsrunde war jedenfalls schneller beendet als von vielen erwartet – nach Meinung von FDP-Chef Lindner ohne nennenswerte Fortschritte. CDU-Generalsekretär Peter Tauber zog eine gemischte Bilanz und prognostizierte "noch viele spannende Gespräche", die die Unterhändler "in unterschiedlichen Konstellationen" erwarteten. In der Entwicklungspolitik sei man sich zumindest schneller einig gewesen als etwa in Sicherheitsfragen. Mit den Schwerpunktthemen Haushalt, Steuern, Finanzen und Europa, so wusste es CSU-Generalsekreträr Scheuer zu berichten, soll es dann am kommenden Dienstag, kurz nach der konstituierenden Sitzung des Bundestags weitergehen: "Von den 8.500 Kilometern bis Jamaika haben wir 75 Kilometer zurückgelegt".

Mit Material von dpa