Wie sich die Zeiten ändern. Drei von vier Deutschen erwarten neuerdings, dass es klappt mit einer Jamaika-Koalition als nächster Bundesregierung. Wenn Sie auch dazu gehören, dann sind Sie an diesem Punkt schon mal deutlich weiter als alle direkt Beteiligten. Allerdings müssen Sie die Sache ja auch nicht verhandeln. In dieser Woche ist es nun soweit – endlich.

Aber halt! Bevor die eigentlichen Koalitionsverhandlungen beginnen können, gibt es noch Sondierungsgespräche. Sondieren heißt der Sache auf den Grund gehen; ausloten, ob da überhaupt etwas geht zwischen den Verhandlungspartnern, die die Laune eines sehr speziellen Wahlergebnisses nun zusammenführt. Die Sache, das ist immerhin die Bildung einer stabilen Regierung für die nächsten vier Jahre. Sondieren ist also wichtig. Ein paar einfache Regeln könnten helfen.

Regel 1: Der Wahlkampf ist vorbei

"Für so einen Horror-Koalitionsvertrag gäbe es bei einem CSU-Parteitag nicht eine einzige Stimme. Jamaika ist für uns keine wünschenswerte Option." So klang Horst Seehofer noch Anfang September mitten im Wahlkampf. Gut gebrüllt. Haben wir gerade noch zu viel Einerlei und zu wenig Zuspitzung im Wahlkampf beklagt? Seehofer und die CSU können wir kaum gemeint haben. Die ultimative Macht des faktischen Wahlergebnisses hat den Bayern dann aber rasch eingeholt. Ein glühender Anhänger des neuen Bündnisses ist der gebeutelte CSU-Chef gewiss noch nicht geworden. Heute wählt aber selbst er seine Worte schon vorsichtiger, spricht nur noch von einem "schwierigen Unterfangen".

So wie Seehofer verbal abrüsten musste, geht es vielen, die sich da diese Woche erstmals zu Sondierungen treffen. FDP gegen Grüne. Grüne gegen Union. Die alten Lagergrenzen wirken nach. Über lange Jahre und viele Wahlkämpfe sorgsam gehegte und gepflegte Feindbilder und Animositäten taugen nun aber schlecht. Drei von vier Deutschen erwarten, wie gesagt, genau das Gegenteil.

Robert Habeck - Müssen die Grünen wieder linker werden? In einer Jamaika-Koalition müssen sich die Grünen als linke Partei positionieren, findet der Kieler Abgeordnete Robert Habeck. Warum es dennoch richtig war, zwei gemäßigte Spitzenkandidaten aufzustellen, erklärt er im Videointerview. © Foto: Ana-Marija Bilandzija für ZEIT ONLINE

Regel 2: Vertrauen ist der Anfang von allem

Es ist schon ein paar Jahre her, dass ausgerechnet die Deutsche Bank diesen Satz zu ihrem Slogan erkor. Für die Jamaika-Sondierer ist er aktueller denn je. Einer, der es wissen muss, ist Wolfgang Kubicki. Der FDP-Vize hat das ungewohnte Bündnis bereits einmal erfolgreich sondiert. Seine Erfahrung in Schleswig-Holstein: "Von herausragender Bedeutung für einen Erfolg ist die Frage, ob die Chemie stimmt und Vertrauen entstehen kann." Freilich war das im Norden etwas leichter als nun auf Bundesebene. Zum einen lassen sich ideologisch behangene Grundsatzfragen mangels Zuständigkeit leicht ausklammern. Zum anderen saß in Kiel nicht die CSU mit am Verhandlungstisch. Und schließlich geht es im Bund deutlich brachialer und grundsätzlicher zu als im Land, wo Smartphones, Tablets, Scheinwerfer und Mikrofone auch mal ausgeschaltet sind.

Vertrauen ist vielleicht das kostbarste Gut, das die Berliner Sondierer in den nächsten Wochen gewinnen können. Leicht ist das gewiss nicht, von heute auf morgen geht es schon gar nicht. Politische Auseinandersetzungen hinterlassen nun einmal Spuren und Verletzungen. Nicht zu vergessen Enttäuschungen, wie sie zum Beispiel die FDP in der letzten schwarz-gelben Koalition erlebt hat. Der ständige Blick in den Rückspiegel ist aber nicht vertrauensbildend, die Größe der Sondierungsdelegationen auch nicht. Vielleicht sollten sie zwischendurch einfach mal gemütlich was essen und trinken gehen oder zusammen Fußball schauen. So wie es einige ja bereits machen.

Regel 3: Der Ton macht die Musik

Dass es oft nicht so sehr darauf ankommt, was gesagt wird, sondern wie es gesagt wird, ist eigentlich eine verbreitete und oft bewiesene Lebensweisheit. In der Politik, die immer auch Kampf und Auseinandersetzung heißt, ist sie aber keine Selbstverständlichkeit. Renate Künast mit ihrem ausgeprägten Faible für die Windsors spricht dann gerne von den "mittelenglischen Umgangsformen", derer sich der eine oder die andere doch bitte mehr befleißigen solle. Respektvolle Sprache und Verzicht auf verbale Provokationen während der Sondierungsgespräche würden jedenfalls helfen.

Dabei wäre man als Mäuschen schon gerne dabei, wenn der Oberbayer Alexander Dobrindt und die bayerische Schwäbin Claudia Roth mit all ihrem Temperament das erste Mal so richtig aneinandergeraten. Der CSU-Mann hat es bei den Sondierungen vor vier Jahren schon zu zweifelhafter Berühmtheit gebracht. Schaffte er es doch, die wesentlich gefasstere Hannelore Kraft zur Explosion zu treiben: "So was lasse ich mir nicht sagen!" Was immer es gewesen ist, eine Sondierungsrunde später musste sich Dobrindt mit der SPD-Ministerpräsidentin kamerawirksam auf dem Balkon der Parlamentarischen Gesellschaft per Händedruck versöhnen.

Regel 4: Leben und leben lassen

Auch so eine Ironie der ganzen Sache, dass dieses urbayerische Motto gerade für die bayerischste aller Unionsparteien zu einer großen Hürde werden könnte. Sie hat einfach sehr viel zu verlieren, speziell bei der Landtagswahl im nächsten Jahr die absolute Mehrheit im Freistaat. Wenn Politik nach Max Weber die Kunst des Machbaren ist, dann sind die Jamaika-Sondierungen durchaus hohe Kunst. Rational weiß natürlich jeder der Beteiligten, dass es ohne Kompromisse, ohne Zugeständnisse nicht geht. Wenn jeder und jede partout nur den eigenen politischen Erbhof verteidigen will, dann werden schon die Sondierungen scheitern.