Wenn Jürgen Trittin am Freitagnachmittag einen prächtigen Altbau an der Spree betritt, könnte eines der erstaunlichsten Comebacks der bundesdeutschen Politik beginnen. Vordergründig klingt die neue Aufgabe des 63-Jährigen wenig spektakulär. Trittin ist nur einer von vierzehn Grünen, die im Haus der Parlamentarischen Gesellschaft, direkt neben dem Reichstagsgebäude, Sondierungsgespräche mit Union und FDP führen werden. Es ist das erste Aufeinandertreffen in großer Runde nach dem ersten Abtasten am Mittwoch. Geht alles glatt, folgen in ein paar Wochen Koalitionsverhandlungen und schließlich die erste Jamaika-Koalition auf Bundesebene.

Hinter den technischen Abläufen aber entspinnt sich eine wendungsreiche Geschichte über Taktik, Images und die Grünen. Noch vor wenigen Monaten schien Trittins Rückkehr in die erste Reihe seiner Partei unmöglich. Gleich mehrere Gruppierungen hatten etwas dagegen. Manchem Nachwuchs-Grünen gilt der Niedersachse, der nur acht Tage jünger als die Kanzlerin ist, als Vertreter einer allzu machtverliebten Generation. Nach zwölf Oppositionsjahren wollen die Jungen aber endlich selbst ran. Und ihre Ungeduld scheint berechtigt; tatsächlich war Trittin bisher fast immer dabei, wenn es in der Partei etwas zu entscheiden gab.

Den Grünen trat er in deren Gründungsjahr 1980 bei. Danach ging es rasch aufwärts: Ab 1990 war er Landesminister in Hannover, dann Bundesvorstandssprecher, von 1998 bis 2005 Bundesminister für Umwelt und Reaktorsicherheit. In dieser Funktion setzte er im Jahr 2000 den rot-grünen Atomausstieg ebenso durch wie das Erneuerbare-Energien-Gesetz. In der Opposition führte Trittin die Bundestagsfraktion, außerdem war er 2009 und 2013 Spitzenkandidat bei der Bundestagswahl.

Göring-Eckardts unfreiwillige Hilfe

Heute sitzt er als Außenpolitik-Experte im Bundestag. In Ausschusssitzungen und auf Reisen mit anderen Parlamentariern schien seine bemerkenswerte Karriere unspektakulär auszulaufen.

Doch plötzlich ist Trittin wieder da. Das verdankt er paradoxerweise auch jener Frau, die sein Comeback verhindern wollte. Ende August sagte Katrin Göring-Eckardt in einem Zeitungsinterview: "Herr Trittin wird in möglichen Koalitionsverhandlungen keine Rolle spielen. Aber ich schätze ihn als klugen Kopf sehr."

Jamaika-Koalition - »Wir gehen in ganz schwierige Gespräche« Die Grünen schicken eine Gruppe von 14 Personen in die Koalitionsverhandlungen mit Union und FDP. Neben Ex-Parteichefin Claudia Roth wird auch der Parteilinke Jürgen Trittin dabei sein. © Foto: Ralf Hirschberger/dpa

Das war ein Fehler. Seit Langem murrte die Parteilinke, weil mit Göring-Eckardt und Cem Özdemir zwei Realos die Grünen im Wahlkampf führten. Und jetzt wollte das Duo auch noch den erfahrensten Vertreter der Linken ohne Diskussion von den wichtigsten Gesprächen seit Jahren ausschließen? Prompt bekam er doch einen Platz im Sondierungsteam.

Ausgerechnet Jürgen Trittin. Die bloße Nennung seines Namens sorgt seit Jahrzehnten auf Parteitagen von CDU, CSU und FDP verlässlich für Buhrufe. Wahlweise gilt er deren Anhängern als fundamentalistisch oder inkonsequent, als hinterhältig oder naiv. Das passt zwar nicht recht zusammen, verschafft Konservativen und Freidemokraten aber ein wohliges Zusammengehörigkeitsgefühl: Wir sind anders als der. Doch gerade Trittins Unbeliebtheit bei möglichen Koalitionspartnern könnte ein Jamaika-Bündnis stabilisieren.