Nach etwa 15 Minuten kommt Jens Spahn endlich zum Elefanten im Raum. Er will darüber sprechen, worüber man nirgends sprechen könne, "außer hier, bei der Jungen Union". Spahn meint die Themen Migration, Integration und Flüchtlinge. "Glaubt denn irgendjemand ernsthaft im Saal, wir hätten in Baden-Württemberg zwölf Prozent an die AfD verloren – wegen der Pflegepolitik?", ruft Spahn. Die Delegierten jubeln – das Thema des Wochenendes ist gesetzt.

Die Junge Union (JU) hat zu ihrem jährlichen Deutschlandtag, einer Art Bundesparteitag, nach Dresden eingeladen. Nicht weit von der Semperoper entfernt wollen die mehr als tausend Delegierten und Gäste der Jugendorganisation von CDU und CSU über die Bundestagswahl sprechen. Und darüber, warum die Union acht Prozentpunkte verlieren konnte.

Eingeladen ist auch die Bundeskanzlerin. Angela Merkel muss sich in Dresden vor dem Parteivolk rechtfertigen, das erste Mal seit der Wahl vor zwei Wochen. Und das ausgerechnet beim kritischen, meist besonders konservativen Nachwuchs. "Voll muttiviert" stand am Wahlabend auf den Plakaten der JU. Davon sind an diesem Wochenende keine mehr im Publikum zu sehen.

Kontingentlösung statt Obergrenze

Neben Merkel sind weitere Parteigrößen wie Thomas de Maizière und Alexander Dobrindt geladen. Doch das Augenmerk vieler liegt auf dem Fernduell Merkel gegen Jens Spahn. Er ist Staatssekretär im Finanzministerium, CDU-Präsidiumsmitglied – und einer der größten Kritiker Merkels, wenn es um Migrationspolitik geht. Genau das Thema also, das der Jungen Union wichtig ist.

Nachzulesen ist das in der "Dresdner Erklärung", die die JU-Delegierten am Freitag verabschiedet haben. Vor allem die Forderungen unter dem Punkt Migration und Integration weisen klar nach rechts. In der Beratung zu dem Papier wurde jeder Versuch abgelehnt, Formulierungen noch abzuschwächen. Oft auch auf Drängen der bayerischen Delegation.

Der Landesverband Bayern, sozusagen die CSU in der Jungen Union, gibt oft den Ton an. Das Ergebnis: Eine Kontingentlösung für die humanitäre Aufnahme von Flüchtlingen und eine Begrenzung der klassischen Zuwanderung. Obergrenze steht nicht im Papier. Das Ergebnis ist so gut wie dasselbe.

Jens Spahn gehört zu den jungen Gesichtern, von denen sich der JU-Vorsitzende Paul Ziemiak bei seiner Eröffnungsrede mehr in Partei und Regierung wünscht. Dass das nicht nur der Vorsitzende so sieht, ist schon am tosenden Applaus zu merken, den Spahn bekommt. Laut Programm soll der 38-Jährige nur ein Grußwort halten, sein Vorredner bleibt unter der Zehn-Minuten-Marke. Spahns Auftritt wird dann aber zu einer 40-minütigen Grundsatzrede über Gründe und Ursachen der Wahlniederlage.

Die Niederlage hänge eng zusammen mit dem Elefanten im Raum, so Spahn. Deswegen spricht er fast den gesamten zweiten Teil seiner Rede über ihn. Wer mag, kann fast jede Zeile als Angriff auf Merkel lesen. Zur Tagesordnung übergehen könne man nach der verlorenen Wahl jedenfalls nicht, sagt Spahn. Er will die Union neu positionieren und das vor allem in der Migrations- und Zuwanderungspolitik. Um die Akzeptanz der Bevölkerung für Zuwanderung zu schaffen, müsse man die Kontrolle an den Grenzen zurückgewinnen.