Der Lokaljournalismus sei ein bedrohtes Kulturgut, hat die Neue Zürcher Zeitung kürzlich geschrieben. "Wäre die Welt gerecht", urteilte die Autorin, "müsste Lokaljournalismus ein Weltkulturerbe der Unesco sein." Das ist natürlich Unsinn. Wäre die Welt gerecht, dann gäbe es keine miesen Lokalteile mehr und der Lokaljournalismus wäre in einem besseren Zustand. Die Welt ist aber nicht gerecht und deshalb sind viele Lokalausgaben minderwertig und der Lokaljournalismus in der Krise.

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Es gibt nicht guten und schlechten Journalismus. Entweder ist es Journalismus oder es ist keiner. An zu vielen Orten in Deutschland ist das, was in der Zeitung steht, irgendetwas mit Wörtern, aber kein Journalismus. Der Lokaljournalismus gehört auch nicht ins Weltkulturerbe und nicht ins Museum. Er gehört als Zeitung auf den Frühstückstisch, auf die Smartphones der Pendler, auf die Computer der Bürger.

Das Internet hat unser Geschäftsmodell kaputt gemacht, sagen manche, die es sich zu einfach machen. Doch lange bevor das Internet massentauglich wurde, begann der Abstieg vieler Lokalzeitungen. Nicht weil die Leser sich nicht mehr für ihre Region interessierten, sondern weil die Zeitungen das bestehende Interesse nicht befriedigten. Die Leserschaft wurde anspruchsvoller, die Lokalblätter blieben ohne Niveau und damit ohne Anspruch auf einen Erhalt ihrer Auflage.

Auch die Elbe-Jeetzel-Zeitung (EJZ), deren Redaktion ein Kollege und ich leiten, hat an Auflage verloren. Heute verkaufen wir 11.600 Exemplare, vor zehn Jahren waren es noch 12.800. Allerdings hatte unser Verbreitungsgebiet, der Landkreis Lüchow-Dannenberg (Niedersachsen), damals noch 51.000 Einwohner. Heute sind es keine 49.000 mehr. Auf der einen Seite ist die EJZ damit eine Minizeitung in einem der wirtschaftsschwächsten Gebiete Deutschlands. Auf der anderen Seite ist sie eine Tageszeitung mit einer erstaunlichen Reichweite.

Der Branchendienst Meedia hat berechnet, dass die EJZ an 25,4 Prozent aller deutschen Einwohner ihres Verbreitungsgebiets eine Zeitung verkauft. Nirgendwo in Deutschland ist die Quote höher. Zugegeben: Die Untersuchung hat ihre Schwächen und ist kein Grund für Selbstüberschätzung. Eine überalterte Bevölkerung trägt zu dieser Quote bei, langsame Internetverbindungen, eine niedrige LTE-Abdeckung, die geringe Einwohnerzahl, die ländliche Struktur.

Trotzdem sind die guten Zahlen mehr als nur fragwürdige Statistik. In Lüchow-Dannenberg funktioniert, was anderswo seit Jahrzehnten Vergangenheit ist: Die EJZ ist eine Klammer weiter Teile der Gesellschaft, sie bildet eine Diskussionsplattform für die Themen, die die Menschen bewegen. Die Leute sprechen über unsere Inhalte, sie streiten darüber. Zwischen Leserschaft und Redaktion gibt es einen regen Austausch und der Abdruck von 50 Leserbriefen aufwärts im Monat ist Standard. Ich habe schon in Redaktionen gearbeitet, da flatterte einmal im Monat ein Leserbrief rein und die Kollegen erschraken: Hoffentlich keine Kritik?

Zugegeben: Die Debattenfähigkeit unserer Leser ist nichts, was wir allein domestiziert hätten. Es hat auch mit dem Ort Gorleben zu tun, der in unserem Verbreitungsgebiet liegt. Die Proteste gegen das ehemals dort geplante Endlager haben aus einem vorher unauffälligen und landwirtschaftlich geprägten Landstrich einen erstaunlich politisierten gemacht. Menschen kamen, protestierten, blieben. Sie haben ihre Standpunkte und die vertreten sie. Es sind Leser, die nicht schlucken, was man ihnen vorwirft, keine Stopfgänse, wie sie manche Lokaljournalisten gerne hätten: Immer schön rein mit dem Stoff, egal wie verfault er sein mag. Der übelste Satz, den ich jemals gehört habe, dafür aber in ganz verschiedenen Redaktionen: "Der Leser ist ein Schwein, der frisst alles."