Heimat – was für ein antiquierter Begriff, denken viele. Vor allem die, die sich heute in der ganzen Welt zu Hause fühlen. Heimat, das ist für sie: Provinz, Enge, der Mief der Heimatfilme aus den 1950er-Jahren und von Heimatdichtern wie Theodor Storm. Also alles Mögliche, was in ihrer hippen Welt in Berlin-Mitte oder Hamburg-Eppendorf nicht vorkommt. 

Und doch ist Heimat für die meisten Menschen auch im Jahr 2017 eine zentrale Kategorie ihres Lebens. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sprach in seiner Rede zum Tag der Deutschen Einheit im Zusammenhang mit dem Erfolg der AfD bei der Bundestagswahl von der Sehnsucht nach Heimat und Orientierung, die viele umtreibe. "Wer sich nach Heimat sehnt, ist nicht von gestern", betonte er.

In der Tat ist das Gefühl, den eigenen heimatlichen Platz im Leben und in der Welt verloren zu haben, oder die Angst, ihn zu verlieren, ein zentrales Moment, das Verunsicherte in die Fänge von Nationalisten und Fremdenfeinden treibt. Nicht nur in Deutschland. Globalisierung und Europäisierung mag den Angehörigen der politischen, ökonomischen und kulturellen Elite, den Erfolgreichen und Weltgewandten, als unaufhaltsamer Weg zu globaler Freiheit, Selbstverwirklichung und grenzenlosen Chancen erscheinen.

Für nicht wenige aber wirken die globalen Veränderungen vor allem bedrohlich. Sie fürchten um ihre Lebens- und Zukunftsperspektiven, ihre Qualifikation, ihren Job, ihre Familie, ihr Sicherheitsgefühl. Kurz: ihre private, heimatliche Scholle. Für sie bedeutet Globalisierung vor allem eins: Konkurrenz und Angst.

Globalisierung als Bedrohung

Die Sorge vor den vielen Flüchtlingen und Migranten tritt hinzu. Durch sie ist die Kehrseite der Globalisierung unmittelbar ins Land und zum Teil auch in ihr Leben getreten. Die Konkurrenz um den Arbeitsplatz – bei der Verlagerung von Produktion in billige Entwicklungsländer bislang oftmals nur virtuell bemerkbar – wird nun scheinbar greifbar: Entwurzelte Menschen aus dem globalen Süden kommen auch aufgrund der erzwungenen Öffnung der Märkte nach Deutschland. Und bilden dort in den Flüchtlingsunterkünften eine Billig-Reservearmee für die Industrie und den wachsenden Dienstleistungssektor.

Wer fürchtet, dass ein Neuankömmling ihm seinen Job oder seine Wohnung abspenstig macht, hat für die viel gepriesene Willkommenskultur wenig bis nichts übrig. Zumal die Migranten in der Regel nicht dort untergebracht werden, wo die Lobsinger der Flüchtlingsaufnahme leben, sondern in sozial schwachen Vierteln. Dort treten sie in Wettbewerb mit denen, die selbst dringend eine erschwingliche Bleibe brauchen.

Das ist die unmittelbare Seite des Flüchtlingsproblems. Die Abstiegsangst hat aber längst nicht nur Arbeiter und Arbeitslose ergriffen, die bei der Bundestagswahl millionenfach von Union, SPD und der Linken zur AfD abgewandert sind. Sie reicht inzwischen weit in die arbeitende Mitte hinein. Auch dort greift die Verunsicherung und die Angst vor dem Verlust der vertrauten Sicherheit um sich.