Dieser Text gehört zu unserer Reportageserie Überland. Sieben Lokalreporter berichten für ZEIT ONLINE aus ihrer Region. Die Serie ist Teil unseres Pop-up-Ressorts #D17, in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen.

Weitere Informationen über das Projekt #D17

Die Windkraftpläne haben einiges verändert. Jahrzehntelang hat die Familie von Bernstorff aus Gartow (Niedersachsen) Seite an Seite mit den Bürgerinitiativen gekämpft. Die einen saßen im Schloss, die anderen in teils spartanischen Kommunen. Aber das tat nichts zur Sache. Der gemeinsame Gegner machte aus ganz und gar Ungleichen gefühlt Gleichere. Erst rangen sie das Projekt einer Atommüll-Wiederaufarbeitungsanlage nieder, dann stemmten sie sich gegen ein Atommüll-Endlager in Gorleben.

Für viele Millionen Mark hätte Andreas Graf Bernstorff sein Land in den 1970ern verkaufen können. Doch er ließ es bleiben. Weil eine Familie mit mehr als 300-jähriger Tradition in der Region nicht einfach ihren Grundbesitz verschleudert und weil von Bernstorff die Atomprojekte für grundverkehrt hielt. Das machte ihn zu so etwas wie einer Ikone des Gorleben-Widerstands.

Doch das Denkmal bröckelt. Längst haben die von Bernstorffs selbst eine Bürgerinitiative am Hals. Müssen sich anhören, sie könnten für ihre damalige Entscheidung nun keine Rendite fordern. Unterschriftenlisten liegen aus, Wut kocht hoch. Jetzt merkt die Familie, wie anstrengend das ist, wie mühsam, wie zäh, wie gefühlsgeladen.

Vor fünf Jahren hatte Andreas von Bernstorff, den seitdem alle den "alten Grafen" nennen, die Verfügungsmacht über den 6.400 Hektar großen Grundbesitz seinem damals 34-jährigen Sohn Fried übertragen. Ein einziger Nachfolger bekommt alles, so will es das im Jahr 1720 verfasste Familienstatut, das die Unteilbarkeit des Besitzes sichert. Und weil der jeweilige Erbe den Besitz für die nachkommenden Generationen nicht nur bewahren, sondern vermehren soll, kam Fried von Bernstorff auf eine betriebswirtschaftlich womöglich sinnvolle, sozial jedoch zweifellos folgenreiche Idee. Er will 16 Windräder mit einer Gesamthöhe von jeweils mehr als 200 Metern in einem seiner Wälder aufstellen. Doch je konkreter die Idee wurde und je mehr Berater der "junge Graf" zu Informationsveranstaltungen mitbrachte, desto schärfer wurde der Widerstand.

Der will bloß Geld machen, sagen sie

Seinem Vater vertrauten viele, Fried von Bernstorff erfährt in Teilen der Bevölkerung schweres Misstrauen. Er sagt, er sehe in den potenziellen Windkraftanlagen in der Nähe von Gorleben ein starkes Symbol gegen die Atomkraft und sich selbst auf einem Weg in der Tradition seines Vaters. Unsinn, erwidern einige, der will bloß richtig viel Geld machen. Dabei hatte der Betriebswirt von Anfang an versprochen, er wolle Bevölkerung und Kommunen profitieren lassen, statt die Gewinne allein einzustreichen. Doch alle Versprechungen bringen nichts. Im Gegenteil: Einige der Gegner legen die finanziellen Zusicherungen als Bestechung aus, fühlen sich an die großen Summen erinnert, die flossen, um dem strukturschwachen Lüchow-Dannenberg die Atommüll-Projekte schmackhaft zu machen.

Albert Doninger ist ein Mann von 70 Jahren und unauffälligem Äußeren. Die grau-weißen Haare, oben kaum mehr vorhanden, hinten und an den Seiten länger, zotteln um seinen Kopf. Mit großen Augen schaut der pensionierte Postbeamte durch die Gläser der randlosen Brille, während er mit breitem Badisch zum Besten gibt, dass dieser Windpark im Wald die Landschaft verschandeln würde. Wenn Doninger etwas kann, dann Öffentlichkeit herstellen, Protest mobilisieren, Leute miteinander vernetzen. Als junger Mann hat er den Dorfschwof organisiert. Später, als die meisten noch nicht wussten, was das ist, dieses Internet, stampfte er die erste Homepage des Gorleben-Widerstands aus dem Boden. Nun will er verhindern, dass Windkraftanlagen in einen Wald in der Nähe seines Wohnhauses gestellt werden. Er versteht das alles nicht, dass die Welt durchdreht, dass es immer höher gehen muss, immer schneller, immer profitabler. "Das ist alles ein Irrsinn auf einem völlig abgedrehten Level", sagt er. Dagegen organisiert er an. "Und es gibt nichts, was der nicht organisieren kann", sagt seine Frau Heike.

Als Albert Doninger vor ein paar Jahren zum ersten Mal von den Plänen hörte, war ihm gleich klar: Dagegen musste er etwas tun. Eine Bürgerinitiative gründen, ihr einen Namen geben, der haften bleibt ("Wald ohne Windkraft"), und Hunderte Unterschriften einsammeln. 700 sind es inzwischen und vor Kurzem hat er sie dem Bürgermeister der Gemeinde Trebel übergeben, deren Gebiet dem Windpark am nächsten wäre.