Vom belächelten Betonkopf zum ernstzunehmenden Anwärter als Premierminister: Wie hat Jeremy Corbyn das nur gemacht? Nach der bitteren Wahlniederlage für die SPD bei der Bundestagswahl wird den Genossen immer wieder empfohlen, sich doch die britische Sozialdemokratie zum Vorbild zu nehmen. Schließlich hatte auch die Labour-Partei seit Tony Blair eine lange Durststrecke zu überwinden und kann sich nun plötzlich wieder Hoffnungen machen, die Regierung zu stellen. Doch obwohl man sich durchaus neue Methoden der Kommunikation abschauen könnte, bietet sich Labours inhaltliche Ausrichtung nicht als Vorbild an:

Zunächst ist der politische Kontext im Vereinigten Königreich ein völlig anderer als in Deutschland. Den jahrelangen harten Sparkurs, der Großbritannien viele Probleme erst eingebrockt hat, hat es in Deutschland so massiv nie gegeben. Vor diesem Hintergrund muss man auch die Forderungen des Labour-Wahlprogramms für die jüngste Parlamentswahl lesen: Labour-Positionen wie Steuergerechtigkeit, bezahlbares Wohnen oder mehr freie Kinderbetreuung werden von der SPD längst vertreten. Andere Probleme, die Labour anspricht, existieren in Deutschland schlicht nicht: Es gibt keine nennenswerten Studiengebühren, bei der Polizei und Feuerwehr wurde nicht so radikal gekürzt wie auf den britischen Inseln, und Beschäftigungspraktiken wie erzwungene Scheinselbständigkeit ohne garantierte Arbeitszeit sind hierzulande glücklicherweise illegal. Auch die Wasserversorgung, deren Verstaatlichung Labour verlangt, ist in Deutschland in öffentlicher Hand.

Dann zu den beeindruckend scheinenden Zahlen: Oft wird unterschlagen, dass Labour die stattlichen 40 Prozent bei der letzten Wahl erzielte, weil in Großbritannien ein Mehrheitswahlrecht gilt, das die beiden größten Parteien begünstigt. In einem Verhältniswahlsystem hätte Labour sicher keine solchen Werte erreicht. Tatsächlich waren die Umfragewerte von Labour, seit Jeremy Corbyn den Vorsitz übernahm, im Keller – und der Hauptgrund für Premierministerin Theresa May, Neuwahlen auszurufen, um die politische Konkurrenz weiter zu schwächen. Und man sollte nicht vergessen, dass Labour  bei den Kommunalwahlen nur einen Monat vor der Parlamentswahl eine Schlappe von etwa 27 Prozent der Stimmen hinnehmen musste.

Wenn die Konkurrenz das schlechteste Wahlprogramm der Nachkriegszeit vorlegt

Natürlich spielt auch das Angebot der politischen Konkurrenz eine Rolle – gerade, weil das britische Wahlsystem auf einen Zweiparteienwettbewerb ausgelegt ist. Wie Labour auch sind die konservativen Tories seit der Brexit-Entscheidung zerstritten, welche Form des EU-Ausstiegs das Land anstreben sollte. Doch aufgrund der Umfragen und der Wahlniederlage bei den Kommunalwahlen war sich deren Parteichefin May siegessicher genug, eines der schlechtesten Wahlprogramme der britischen Nachkriegsgeschichte vorzulegen. Symbolisch dafür waren Pläne für eine sogenannte Demenzsteuer, durch die Empfänger von bestimmten Sozialdienstleistungen posthum mit ihrem Immobilieneigentum für die erhaltenen Leistungen hätten bezahlen müssen. Der Vorschlag war derart unbeliebt, gerade auch bei konservativen Wählern mit wertvollem Immobilienbesitz, dass May ihn noch vor der Wahl zurücknehmen musste. Und was den Brexit angeht, wollte sie sich mit der Wahl ein Mandat für einen harten EU-Austritt geben lassen, was schlicht und ergreifend an der Wahlurne abgelehnt wurde.

Das hat Labour in die Hände gespielt. Die Brexit-Position der Sozialdemokraten ist ebenfalls nicht zukunftsfest; sie schwankt zwischen einem weichen und einem harten Brexit und lässt wichtige langfristige Fragen, wie die Mitgliedschaft im Binnenmarkt über eine Übergangsphase hinaus, bis heute offen. Im Wahlkampf hat diese "konstruktive Unschärfe" jedoch bewirkt, dass Labour einen Spagat zwischen EU-Befürwortern und -Gegnern hinbekommen hat – im Gegensatz zu dem harten Brexit-Kurs der Tories. Das mag bei der jüngsten Wahl noch gut gegangen sein, aber irgendwann wird die Stunde der Wahrheit kommen. Für welchen Weg auch immer sich Labour dann entscheidet, er wird die fragile Co-Existenz von Anhängern aus Brexit-Fans und -Feinden beenden.

Doch im Moment gibt es für Labour keinen Anreiz, die bisherige ambivalente Position zu verlassen. Denn die Regierung May ist seit dem Wahldesaster und dem neuerlichen Tiefpunkt der verkorksten May-Rede auf dem Tory-Parteitag im freien Fall, und sie muss gleichzeitig die bisher sehr erfolglosen Verhandlungen mit Brüssel weiterführen. Dass Labour seit der Wahl gegenüber einer Chaosregierung, in der jede Disziplin zusammengebrochen ist, weiterhin gut aussieht, ist also nicht weiter verwunderlich. Lektionen für Deutschland kann man aus diesen spezifischen Umständen also nicht ableiten. Zumindest nicht inhaltlich.

Was sich die SPD sehr wohl anschauen sollte, ist, wie Labour es geschafft hat, eine Welle von neuen Mitgliedern zu rekrutieren, und wie sie gerade mit jungen Briten kommuniziert. Zwar ist auch das sehr stark mit dem britischen Kontext verbunden, da z. B. viele der Neumitglieder sich unter New Labor schlicht nicht vertreten fühlten, aber die Entwicklung der Mitgliedschaften von 190.000 im Mai 2015 zu 515.000 im Juli 2016 ist sehr beachtlich. Ein wichtiger Grund für den Zuwachs ist, dass Corbyn es geschafft hat, dass sich die Parteimitglieder wieder mehr respektiert fühlen. Weiterhin fällt auf, dass die neuen Mitglieder deutlich weiblicher sind und sich in der Regel ausschließlich online engagieren. Labour unter Corbyn hat also eine neue Massenform des Clicktivismus geschaffen.