ZEIT ONLINE: Herr Schäfer-Gümbel, bei der Bundestagswahl haben die großen Volksparteien an Stimmen verloren und die AfD gewonnen. Das stimmte viele Politiker nachdenklich. Manche, auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, sprechen nun mehr über "Heimat". Finden Sie das richtig?

Thorsten Schäfer-Gümbel: Ja. Der Begriff "Heimat" gehört nicht den Rechtsnationalen. Ich habe im hessischen Landtag gesagt, dass Heimat dort ist, wo man versteht und verstanden wird. Ähnliche Worte hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verwendet. Und ich jedenfalls spreche nicht als Reaktion auf die AfD über Heimat, sondern weil es darum geht, einen Raum zu haben, in dem man sich auskennt und sicher bewegt. Das ist die moderne Übersetzung des Heimatbegriffs. Die Verunsicherung der Menschen wegen der Globalisierung, Auseinandersetzungen um die kulturelle Identität, darauf muss auch die demokratische Linke eine Antwort haben – und sie muss anders lauten als: Wir versprechen euch, dass die Vergangenheit zurückkommt.

ZEIT ONLINE: Sie kommen aus Hessen. Wann haben Sie Heimatgefühle?

Schäfer-Gümbel: Kulinarisch ist die "Ahle Worscht" natürlich wichtig in Nordhessen, ebenso wie ein gutes Tröpfchen Wein in Südhessen. Aber für mich ist Heimat vor allem meine Familie. Ein Ort, an dem mir meine Umgebung nah und vertraut ist. Wo ich mit den Nachbarn plaudere und weiß, was auf den Straßen so los ist.

ZEIT ONLINE: Konservative glauben, Heimat definiere sich über eine Leitkultur. Wie stehen Sie dazu?

Schäfer-Gümbel: Ich will keine Kultur, die anderen übergeordnet sein will. Mein Heimatbegriff schließt niemanden aus, er ist integrativ im Sinne von Georg-August Zinn. Er war hessischer Ministerpräsident und hat den wunderbaren Satz geprägt: Hesse ist, wer Hesse sein will. Das ist eine Einladung. Sie akzeptiert Unterschiede. Die Religionsfreiheit ist ein elementarer Punkt für das, was ich unter Heimat verstehe. Die einen erklären, Identität sei nur christlich-abendländisch. Ich sage: Unser Heimatbegriff schließt das Judentum, den modernen Islam und auch diejenigen ein, die gar nicht glauben. Niemandem sollte in Deutschland etwas aufgezwungen werden, nicht denen, die immer schon hier leben, aber auch nicht denen, die zu uns kommen. Kulturelle Identitäten entwickeln sich, sie müssen sich auch verändern dürfen.

ZEIT ONLINE: Aber wenn die kulturelle Identität sich ständig erneuert, gibt das den Menschen die Sicherheit, die sie offenbar suchen?

Schäfer-Gümbel: Sicherheit und Heimat müssen nicht heißen, dass alles immer bleibt, wie es ist. Das tut es sowieso nicht. Sondern dass wir Werte haben, die bei uns außer Frage stehen – das ist das Grundgesetz.

ZEIT ONLINE: Was antworten Sie Jens Spahn, wenn der sagt, dass in Teilen Berlins zu viel und zu automatisch Englisch statt Deutsch gesprochen wird?

Schäfer-Gümbel: Dass man in Berlin oft nur um eine Straßenecke gehen braucht, wenn einem ein Restaurant oder eine Kneipe nicht gefällt.

ZEIT ONLINE: Hat dem SPD-Bundestagswahlkampf eine übergeordnete Zukunftserzählung gefehlt?

Schäfer-Gümbel: Wir haben viele einzelne wichtige Themen für die nahe Zukunft gehabt. Wir haben viele fachliche Vorschläge gemacht vom Arbeitslosengeld Q, der Renten- und Steuerreform über die Bildungspolitik bis hin zur Aufwertung von Pflegeberufen. Aber es stimmt: Vielleicht hat das Fernziel, die Vision, der Mut gefehlt. Wir haben nicht genug klar gemacht, wie unser Bild der Zukunft ist. Das Problem gab es aber schon vor dem Wahlkampf.

ZEIT ONLINE: Und was folgt daraus?

Schäfer-Gümbel: Wir hätten uns viel früher die Frage stellen müssen, welche Rolle, Aufgaben und Ziele die Sozialdemokratie in Deutschland und Europa in Zeiten des globalen und digitalen Kapitalismus hat. Deswegen sage ich schon länger, dass wir uns dieser Aufgabe mit einem neuem Grundsatzprogramm stellen müssen. In so einem Prozess müssen wir die unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bewegungen und Gruppen beteiligen. Es geht nicht um einen internen SPD-Arbeitskreis. Mein Landesverband wird auf dem Bundesparteitag in Dezember nochmal eine Initiative starten. Denn das Grundsatzprogramm aus Hamburg, das wir im Oktober 2007 beschlossen haben, stammt aus dem Jahr vor der Finanz-und Wirtschaftskrise. Wir müssen uns mit der Frage auseinandersetzen, wie sozialdemokratische Politik in Zeiten des globalen Kapitalismus und den Veränderungen durch die Digitalisierung gestaltet werden kann, auch und gerade wegen der Geschwindigkeit der Veränderung. Klimawandel und zunehmende Ungleichheit müssen uns viel tiefgreifender beschäftigen, weil sie mittelfristig massive Auswirkungen auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt haben können. Darauf muss die Sozialdemokratie in den nächsten Jahren Antworten geben und ich bin sehr optimistisch, dass wir das können. Ich gehe diese Fragen mit großer Zuversicht an.

ZEIT ONLINE: Die SPD muss also linker werden?

Schäfer-Gümbel: Ich denke, sie muss klare und entschiedene Antworten auf Fragen geben, die die Menschen umtreiben. Und sie muss klar unterscheidbar von den politischen Mitbewerbern sein. Wenn Sie das links nennen, dann soll es so sein. Wir wollen, dass in Zeiten epochaler Veränderungen diese Umwälzungen nicht auf dem Rücken der Menschen ausgetragen werden.