Es hätte ein ungewohnt ruhiger Parteitag werden können, das Treffen der Delegierten der Alternative für Deutschland am Wochenende in Hannover. Aber dann meldete die Bild-Zeitung, dass Alexander Gauland für einen der wahrscheinlich zwei Vorstandsposten kandideren wolle – und Gauland dementierte es nicht. So wird aus dem Parteitag doch ein Showdown um die Macht in der Partei, die gerade erst in den Bundestag eingezogen ist.

Wie geht es der Partei?

Die ersten Reden im Bundestag sind gehalten, sie geben eine Hinweis, wie die AfD ihre Oppositionsrolle interpretiert. Ein soldatischer Ton klang durch, als es um die Auslandseinsätze der Bundeswehr ging. Gauland klagte über syrische Flüchtlinge, die am Berliner Ku’damm Kaffee tränken, "statt beim Aufbau in ihrem Land zu helfen". Fraktionschefin Alice Weidel schärfte ihre Rede zu einem Tribunal über die Bundesregierung und ihrer "abgehobenen Politik der arroganten Gutsherrenart" voller Rechtsbrüche: "Das ist ein Skandal. Sie haben das zu verantworten." Im Grundsatz ist das übliches Oppositionsverhalten. Nur dass man sich jetzt im Plenum aufmerksamer gegenseitig belauert, um schnell auf Provokation reagieren zu können: Eine Linken-Abgeordnete unterstellt der AfD Militarismus, Weidel zeigt ihr den Vogel.

In den Bundesländern ist die Lage der AfD in Teilen aber desolat: Mit Frauke Petry traten Dutzende aus Fraktionen, Gremien oder gleich aus der Partei aus. Den Landesverband Sachsen führt derzeit ein Notvorstand. Viele Landtagsfraktionen sind von Lagerkämpfen geplagt. Für den Parteitag in Hannover liegen Anträge vor, baldigst eine Strategiekonferenz einzuberufen und eine "klare umweltpolitische" und sozialpolitische Programmatik zu erarbeiten. Mehr Solidarität, mehr Bürgerforen, mehr Politik auf der Straße lauten die Forderungen. Zudem wird es auf der Bundesebene immer schwieriger, Unterschiede zu FDP oder CSU herauszuarbeiten, etwa in der Flüchtlingspolitik.

Wohin steuert die Partei?

Die entscheidende strategische Frage ist aber: Will sich die AfD, zumindest mittel- oder langfristig, auf Regierungskoalitionen einlassen? Dafür hatte Petry geworben, und auch wenn sie Geschichte ist: Ihre Vorstellungen wabern noch immer durch die Partei.

Die Alternative bis zur kommenden Bundestagswahl 2021 auf Regierungskurs zu trimmen, weg vom Protest, von der Fundamentalopposition. Vor dem Parteitag werden nun einst radikale Petry-Gegner zu Pragmatikern: Die AfD sollte das Regieren anstreben, sagt Bundesvorstandsmitglied André Poggenburg, ein Freund Gaulands. "Totalverweigerung bringt uns nicht weiter." Im Frühjahr hatte er die Fundamentalopposition noch zur AfD-Realpolitik erklärt: "So praktizieren wir das in Sachsen-Anhalt als Oppositionsführer sehr erfolgreich."

So zeigt sich, nicht die Strategie war falsch, sie kam nur von einer falschen Person. "Petry hat die legitime Debatte über Inhalt und Strategie immer für ihre persönlichen Ziele missbraucht", wirft ihr Beatrix von Storch vor, derzeit stellvertretende Parteivorsitzende. "Machtpolitisch motiviert" habe sie versucht, "Alexander Gauland aus der Partei zu drängen".

Wer hat die Macht?

Mit der Strategiefrage ist die Personalfrage eng verknüpft, der Bundesvorstand muss die Strategie schließlich umsetzen. Und wie er das tut, hängt von den Kräfteverhältnissen ab. Die Wahlen der 13 Mitglieder des Vorstandes werden im Mittelpunkt des Parteitages stehen. Zwei Bundessprecher sind vorgesehen, die Satzung ließe aber auch einen dritten zu. Hinzu kommen drei Stellvertreter, weiterhin Beisitzer, ein Schatzmeister. Weil es ein Delegiertenparteitag ist (die Landesverbände nominieren Vertreter), ist anders als bei früheren Mitgliederparteitagen der AfD gewährleistet, dass die Regionen entsprechend ihrer Mitgliederstärke vertreten sind. Entscheidungen lassen sich nicht durch gezielte Mobilisierung beeinflussen.

Bis zum gestrigen Donnerstag war es an der Parteispitze auf zwei Kandidaten zugelaufen: Jörg Meuthen und Georg Pazderski.