Der Landes- und Fraktionschef der AfD Sachsen-Anhalt, André Poggenburg, will Vizevorsitzender seiner Partei werden. "Ich möchte auf dem Parteitag am Wochenende für das Amt eines der stellvertretenden Bundessprecher kandidieren", sagte Poggenburg ZEIT ONLINE. Innerhalb der Partei gehört Poggenburg zu der nationalkonservativen Gruppe Der Flügel, in dem auch der Thüringer AfD-Nationalist Björn Höcke federführend ist. "Es ist wichtig, dass alle innerparteilichen Strömungen an der Parteispitze angemessen vertreten sind. Dazu gehört auch Der Flügel."

Auf dem Parteitag in Hannover will die AfD die Führung neu wählen. Der bisherige Bundessprecher Jörg Meuthen will wieder antreten. Offen ist, ob der seit Frauke Petrys Austritt freie Co-Sprecherposten wieder besetzt wird. Der Berliner Landesvorsitzende Georg Pazderski hat im Gespräch mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland eine Kandidatur angekündigt. Poggenburg ist wie Pazderski derzeit Beisitzer im 13 Mitglieder zählenden Bundesvorstand der AfD.

Gründungsmanifest Des Flügels ist die Erfurter Erklärung, die im März 2015 verabschiedet wurde, um ein Gegengewicht zu den Unterstützern des damaligen Parteichefs Bernd Lucke zu bilden. Seit der Abwahl und dem Parteiaustritt Luckes erstarkten die Nationalkonservativen der Partei. Ihrer Dominanz erlag jüngst auch Luckes Amtsnachfolgerin Petry, die noch für die AfD zur Bundestagswahl antrat, seit ihrem Austritt aber als Einzelabgeordnete im Bundestag sitzt.

Die Flügel-Vertreter versuchen nun, ihren Einfluss in der Parteispitze zu vergrößern. So sprach sich Poggenburg für eine Kandidatur Höckes für den Bundesvorstand aus. "Höcke wäre sicher eine intellektuelle und politische Bereicherung im Bundesvorstand", sagte er. Von dessen Wahl verspricht sich Poggenburg ein Signal: "Höcke besetzt eine wichtige Randposition der Partei. Seine Wahl in den Parteivorstand hätte eine entsprechende Außenwirkung."

Höcke hat es sich bisher offengehalten, ob er kandidieren wird. Innerparteilich ist Höcke umstritten, spätestens seit er in einer Rede in Dresden vor einem knappen Jahr im Hinblick auf die NS-Zeit eine "erinnerungspolitische Wende" gefordert und das Berliner Holocaustmahnmal als "Denkmal der Schande" bezeichnet hatte. Ein Parteiausschlussverfahren begann, die Staatsanwaltschaft ermittelte vorübergehend.

Vertreter der Alternativen Mitte, des liberal-konservativen Teils der AfD, hatten Anfang Oktober öffentlich angekündigt, ihre Parteimitgliedschaft zur Disposition zu stellen, sollten "unbelehrbare Rechtsausleger" wie Höcke in die Führung aufrücken. In einem Appell wandte sich die innerparteiliche Interessengemeinschaft im Vorfeld des Bundesparteitages an die Mitglieder. Sie warnte die Delegierten, Kandidaten zu wählen, die Themen auf die politische Tagesordnung setzten, die "geeignet sind, um die AfD an den Rand der Verfassungstreue zu bringen".

Regelmäßig treffen sich die Anhänger Des Flügels am Fuße des Kyffhäuserdenkmals in Thüringen. Zu den Teilnehmern dort zählte neben Bundessprecher Meuthen auch Parteivize Alexander Gauland, der auf dem Treffen im September 2017 angeregt hatte, "stolz zu sein auf Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen". Kritiker warfen ihm daraufhin vor, die NS-Zeit zu verharmlosen.  

Poggenburg sprach sich dafür aus, Gauland als Chef der Bundestagsfraktion weiter in der Parteiführung zu halten. "Für den Fall und den Wunsch der Delegierten, die Bundestagsfraktionsspitze stark mit der Partei zu verzahnen, wäre Gauland mein Kandidat für den Bundesvorstand", sagte er. Eine gewünschte Verzahnung wäre "durch die Wahl eines erfahrenen Politikers wie Alexander Gauland gewährleistet".

Fundamentalopposition oder Mitregieren?

Eine erneute Kandidatur des bisherigen Bundesvorstandsmitglieds Georg Pazderski für das oberste Gremium sieht Poggenburg dagegen kritisch. "Alle, die bis zum letzten Tag unbelehrbar dem zweifelhaften Kurs von Frauke Petry folgten, sollten sich diesen Fehler selbst eingestehen und nun nicht gleich höhere Ansprüche anmelden", sagte Poggenburg auf die Frage nach der Eignung des Berliner AfD-Landesvorsitzenden für das Bundesvorstandsamt. "Ihnen fehlte offenbar mindestens notwendige Menschenkenntnis." Er sage dies "ohne Wertung der sicher vorhandenen fachlichen Qualitäten". Er ergänzte – ungeachtet seiner eigenen Kritik an Pazderski –, er verbinde das "mit der Aufforderung, das Bashing ehemaliger Petry-Getreuer in der Partei nun zu beenden". Die Partei müsse nach vorn schauen.

Bundessprecher Jörg Meuthen reagierte auf Pazderskis Ankündigung, als Co-Sprecher zu kandidieren, eher neutral: "Ich habe mich von Beginn an weder für noch gegen einen Kandidaten ausgesprochen", sagte er ZEIT ONLINE. Das obliege den Delegierten des Parteitages. "Ich kann mir mit Georg Pazderski eine Zusammenarbeit ebenso vorstellen wie mit anderen auch." Eine Partei zu führen, "traue ich vielen zu, auch Georg Pazderski".  

Pazderski hat – im Gegensatz zu Meuthen – Petry in ihrem Bemühen unterstützt, die AfD nach rechts abzugrenzen. Ein von Petry auf dem  Wahlprogrammparteitag im Frühjahr in Köln eingebrachter sogenannter Zukunftsantrag zur Ausrichtung der AfD auf eine realpolitische Linie hatte es aber nicht auf die Tagesordnung geschafft. Petry, die zuvor schon auf die Spitzenkandidatur für den Bundestagswahlkampf verzichtet hatte, war dadurch parteiintern beschädigt. 

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Korrektur: in einer ersten Fassung war fälschlicherweise der Eindruck entstanden, Georg Pazderski habe den Zukunftsantrag von Frauke Petry auf dem Parteitag in Köln aktiv unterstützt. Wir haben die Formulierung entsprechend korrigiert.