Julia Klöckner war eine der Ersten, die sich für Angela Merkel in die Bresche warfen. "Wir sind froh und erleichtert, dass sie zur Verfügung steht": So reagierte die rheinland-pfälzische Landesvorsitzende auf die Ankündigung Merkels, im Falle einer Neuwahl zu einer erneuten Kandidatur bereit zu sein. Merkel, so Klöckner, sei ein "wichtiger Stabilitätsanker". Nicht ganz so euphorisch, aber ebenfalls positiv hatte sich zuvor bereits Paul Ziemiak geäußert, der Vorsitzende der Jungen Union. Es sei gut, dass Merkel wieder antreten wolle, sagte er in der Talkshow hart aber fair.

Kritik an Merkels Entscheidung hingegen ist in ihrer Partei bislang keine zu vernehmen. Angesichts der Geschehnisse der vergangenen Wochen ist das alles andere als selbstverständlich. Schließlich hatte die Union unter Merkels Führung bei der Bundestagswahl ihr schlechtestes Wahlergebnis seit 1949 geholt. Die CDU brauche einen Generationenwechsel, hieß es danach. Und wieder wurden Stimmen laut, die beklagten, dass Merkel die Partei zu weit in die Mitte verschoben habe. Von einer notwendigen Kurskorrektur war die Rede und davon, dass Merkel ihre Nachfolge regeln müsse.

Jetzt sind die von Merkel geführten Verhandlungen zur Bildung einer Jamaika-Regierung mit Grünen und FDP gescheitert – und die CDU will im Falle von Neuwahlen einfach wieder mit der Kanzlerin an der Spitze in den Wahlkampf ziehen?

Regierungsbildung - Merkel will bei Neuwahlen wieder antreten Bundeskanzlerin Angela Merkel will sich nach dem Scheitern der Jamaika-Sondierungen bei möglichen Neuwahlen erneut zur Wahl stellen. Die Union sieht sie in einer guten Position. © Foto: Thomas Kierok/dpa

"Ist jetzt halt so"

Bisher jedenfalls scheint es darüber in der Partei keine Diskussionen zu geben. Am Montagabend, kurz nach ihrer Ankündigung im Fernsehen, informierte Merkel ihre Fraktion über den Ausgang der Sondierungsverhandlungen. Die Frage ihrer erneuten Kandidatur spielte da gar keine Rolle. Merkel ging auf das Thema von sich aus nicht ein, und nachgefragt wurde auch nicht. "Die Leuten denken: Das ist jetzt halt so", hört man aus Fraktionskreisen.

In der CSU hingegen tobt seit dem desaströsen Ergebnis bei der Bundestagswahl ein heftiger Machtkampf um Parteivorsitz und Ministerpräsidentenamt. In der sächsischen CDU zog Ministerpräsident Stanislaw Tillich die Konsequenz aus dem miserablen Abschneiden seiner Partei, die bei der Bundestagswahl hinter die AfD zurückgefallen war, und trat zurück – wenn auch erst einige Wochen später. Und der gescheiterte SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz ist zwar immer noch Parteivorsitzender. Aber auch er kann sich nicht sicher sein, dass er seine Partei in einem erneuten Wahlkampf anführen würde.

Nur Angela Merkel scheint keine Niederlage etwas anhaben zu können. Die gegenwärtige Ruhe in der CDU hat allerdings viel mit der extrem unklaren Situation zu tun. Noch ist ja nicht entschieden, ob es wirklich zu Neuwahlen kommt. Sollte die SPD doch noch zu Gesprächen über eine Koalition bereit sein – was viele in der Union immer noch hoffen – könnte jede Personaldebatte zum jetzigen Zeitpunkt Merkels Position schwächen. Das gilt auch für alle anderen Möglichkeiten, die jenseits von Neuwahlen denkbar sind: eine Rückkehr der FDP an den Verhandlungstisch etwa oder die Bildung einer Minderheitsregierung. "Ruhe bewahren", lautet da die natürliche Reaktion der machtbewussten CDU.

Hoffnung auf leichteren Wahlkampf

Selbst darüber, dass Merkel ihre Bereitschaft zur erneuten Kandidatur im Fernsehen bekannt gab, ohne sich vorher des Rückhalts ihrer Partei zu versichern, obwohl am gleichen Tag eine telefonische Vorstandskonferenz stattfand, erregt sich niemand. "In normalen Zeiten würde es abgehen", versichert ein Abgeordneter. Doch die Zeiten seien eben alles andere als normal.

Wer in einer solchen Situation "Hahnenkämpfe oder Selbstfindungsdebatten" führen wolle, erschwere fahrlässig die ohnehin labile Lage, sagt auch der CDU-Abgeordnete Armin Schuster, der sich in der Vergangenheit als Kritiker von Merkels Flüchtlingspolitik einen Namen gemacht hat: Es gehe jetzt um Führung. Deswegen habe sich Merkel genau richtig verhalten.

Manch anderer hofft, dass die CDU in einem künftigen Wahlkampf mit Merkel an der Spitze nicht erneut so schlecht abscheiden wird wie im September. Zu damals gibt es auch einen wesentlichen Unterschied: Mittlerweile haben sich CDU und CSU auf einen Kompromiss in der Flüchtlingspolitik verständigt. Diese neue Einigkeit, die sich auch in den Sondierungsverhandlungen bewährt habe, würde einen künftigen Wahlkampf womöglich erleichtern.

Auch dass die FDP und nicht die Union in der öffentlichen Wahrnehmung als Hauptschuldiger für das Scheitern der Jamaika-Sondierungen gelte, könnte die Wahlchancen der Union verbessern. Zumal Merkel im Wahlkampf wohl immer wieder auf all die Dinge verweisen dürfte, auf die man sich während der Sondierungen bereits geeinigt habe, die man nun aber leider wegen der FDP nicht umsetzen könne: Milliarden für Digitalisierung und Bildung, Steuerentlastungen, Unterstützung für Familien. Zudem: So mancher AfD-Wähler könnte sein Kreuz diesmal vielleicht doch wieder bei der FDP oder den Unionsparteien machen, um die Bildung einer handlungsfähigen Regierung nicht auf Dauer zu verhindern.