Eigentlich hatte Christian Lindner bis zum vergangenen Sonntag alles richtig gemacht. Er hatte die FDP aus der Westerwelle-Falle gerettet, er hatte Durchhaltevermögen bewiesen und einen frischen Wahlkampf geführt, der dem Publikum die Botschaft vermittelte: Die Liberalen können das Zugpferd einer intelligenten Renovierung des Landes sein. Menschen mit Initiative und Eigensinn können in einer Gesellschaft, die dem Winner-Take-All-Prinzip abschwört, ihren Platz haben.

Damit hat er sich zum Trendsetter einer neuen Fraktion des Bürgertums gemacht, die weder etwas mit den lebensstilistischen Anmaßungen der Grünen noch mit den Verbandverschlingungen der Union zu tun haben will.

Die ideologische Kehrtwende der Lindner-FDP bestand in einer ruhigen, aber entschlossenen Abkehr von der neoliberalen Staatsphobie. Man muss nicht gegen den Staat sein, wenn man den Spielraum für die Einzelnen erweitern will – das war seine Botschaft. Damit war eine leise Annäherung an den Sozialliberalismus verbunden, der die FDP wieder fit für eine Gesellschaft der Verantwortung, der Anteilnahme und der Zukunftsoffenheit macht.

An der falschen Stelle ausgeschert

Jetzt hat aber hat der FDP-Chef an der falschen Stelle die Geduld verloren und sich zum kleinen Jungen gemacht, der sich beleidigt und genervt von dem Spiel der Anderen zurückzieht, das das Land in eine andere Zukunft bringen sollte.

Natürlich musste er den Moralismus der Grünen abtropfen lassen, natürlich den Korporatismus der Union aus den Angeln heben und natürlich Realismus beim Management einer inklusiven Gesellschaft einfordern. Aber sich von Jürgen Trittin aus der Koalition einer neuen Vernunft drängen zu lassen, darf einem Politiker, der noch was vorhat, nicht passieren.

Union und Grüne wiederum müssen sich jetzt fragen, was sie verloren haben, als sie so taten, als würde das neue Deutschland vor allem eine Kombination von Schwarz und Grün sein. Wolfgang Kubicki, Lindners Vize, sagt, dass es nicht gelungen sei, innerhalb von vier Wochen eine gemeinsame Idee für das Bündnis zu finden, die etwas Visionäres enthalten hätte.

Die Grünen haben ihre Vision verloren

Darauf hatten wir in der Tat gewartet. Die Hoffnung war, dass das Konservative, das Grüne und das Liberale eine neue Mischung hervorbringen würden, in der sich das Land mit seinen hidden champions, seiner niedergerockten Infrastruktur, seinen guten Versorgungseinrichtungen und seinen abgehängten Gebieten wiederfinden kann.

Wenn ausgerechnet die Grünen von Vision nichts mehr wissen wollen und nach dem Abbruch der Gespräche in erster Linie das bereitgestellte Geld für die Digitalisierung, die Übereinkunft zum Wegfall der anlasslosen Vorratsdatenspeicherung und den Rückbau des Solis herausstellen, haben sie die Zeichen der Zeit nicht verstanden. Das Publikum wollte einen neuen Geist, nicht die Fortschreibung eines erweiterten Korporatismus.

Die Teile des Bürgertums, die der Wirtschaft, aber auch dem Sozialen gegenüber aufgeschlossen sind, die Bildung achten, aber vor allem die Selbsttätigkeit des Einzelnen schätzen, sind jetzt aus dem Spiel. Da hilft es auch nicht, der FDP den Schwarzen Peter zuzuschieben.

Mit der Stilllegung von Kohlekraftwerken, der Förderung von Ein-Eltern-Familien mit hohem Armutsrisiko und dem Ausbau der ökologischen Landwirtschaft ist es nicht getan. Wenn es weitergehen soll, müssen die agilen Ingenieure aus den F+E-Abteilungen, die jungen Ärztinnen aus den Universitätskliniken, die ambitionierten Winzerinnen aus der Pfalz und die smarten Tüftler aus den Fintech-Boutiquen mit dabei sein. Ohne die finden wir keinen Ausgang aus dem Labyrinth, in das wir uns hineinmanövriert haben.