Wie schön es ist, wenn der Schmerz nach lässt, zeigt niemand besser als Cem Özdemir. "Die Verhandlungen, sie waren knüppeldick", ruft er in den Saal. Bei den Sondierungsgesprächen sei "für uns Grüne der Weg nach Jamaika der längste" gewesen. Trotzdem habe sich seine Partei kompromissbereit gezeigt. Aber "die Brücken mussten wir Grünen meist alleine bauen". Denn sie dächten zuerst ans Land und erst dann an die Partei. Der Applaus, der Özdemir bei diesen Worten immer wieder entgegen schlägt, wäre noch sechs Tage zuvor undenkbar gewesen.

Eigentlich hatten die etwa 850 Delegierten beim Grünen-Parteitag in Berlin über Koalitionsgespräche mit Union und FDP abstimmen sollen. Dabei hätten sie ihren Verhandlungsführern bei den Sondierungen, Özdemir und Katrin Göring-Eckardt, schwer zu beantwortende Fragen gestellt: Stimmen die Grünen wirklich für eine Obergrenze von 200.000 Flüchtlingen pro Jahr? Erklären sie Algerien, Tunesien und Marokko zu sicheren Herkunftsländern – auch wenn Sonderregelungen für ethnische Minderheiten, Schwule und Lesben oder Journalisten gelten sollen? Reichen ihnen die geplanten Einschnitte bei der Kohleverstromung bis 2020, obwohl der Kompromiss beim grünen Kernanliegen weit hinter ihrem Parteiprogramm zurückbleibt?   

Solche Unwägbarkeiten hätten den Parteitag zu einem Experiment mit offenem Ausgang gemacht. Eine Zustimmung zu Gesprächen über eine Jamaika-Koalition wäre ungewiss gewesen. Und bei einem Nein wäre jede Annäherung an die Union auf Bundesebene auf Jahre hinweg diskreditiert gewesen. Doch diese Zerreißprobe bleibt den Grünen erspart. Stattdessen lässt sich das 14-köpfige Verhandlungsteam für seine Zähigkeit und Kompromissbereitschaft feiern. Die innerparteiliche Harmonie verdanken die Grünen ausgerechnet ihrer Lieblingsgegnerin - der FDP.

Hätten die Freien Demokraten die Sondierungen in der Nacht zum vergangenen Montag nicht überraschend abgebrochen, hätten die Grünen es womöglich selbst tun müssen. Oder sie wären Teil einer ungeliebten Koalition geworden. So aber können sie auf dem Parteitag ihre Kompromisse rückblickend zum Beweis staatsbürgerlicher Reife verklären. Und wohlige Schauer genießen beim Gedanken an all die Entscheidungen, die sie nun doch nicht mittragen müssen. Die Grünen feiern ihren Gratismut.   

Grünen-Parteitag - "Erst kommt das Land, dann die Partei" Beim Grünen-Parteitag in Berlin haben die Parteivorsitzenden Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt von den Sondierungsgesprächen mit der Union und der FDP berichtet. Für die Grünen sei das Land wichtiger als die Partei, sagte Özdemir. © Foto: Ralf Hirschberger/dpa-Zentralbild/dpa

Ihre Frustration über vier Wochen zähe Verhandlungen lenken sie auf die FDP. Deren Parteichef Christian Lindner, ruft Özdemir, fehle es an der "notwendigen Demut". "Der Ausstieg der FDP aus den Verhandlungen, der war nicht inhaltlich, der war taktisch begründet." Offen wirbt der Grünen-Parteichef um den enttäuschten, "weltoffenen Teil" der Liberalen-Wähler. Etwa um junge Unternehmer, die unter "unnötiger Bürokratie" litten: "Wir sind die Heimat der Start-ups in diesem Lande." So offen haben führende Grüne selten um Wirtschaftsliberale geworben.  

Weit hinter Erwartung beim Kohleausstieg

Der EU-Abgeordnete Sven Giegold tut es Özdemir nach: "Was Christian Lindner aus der FDP macht, ist eine Schande für den Liberalismus." Der Theoretiker des Wirtschaftsliberalismus, Friedrich von Hayek, "würde sich im Grabe umdrehen". Giegolds Worte haben besonderes Gewicht. Der 48-Jährige gilt als möglicher Nachfolger Özdemirs als Parteivorsitzender.

Noch gröber schlägt Simone Peter auf die Liberalen ein. Die Parteichefin spricht vom "Ego-Trip des Christian Lindner" und der "Schmierenkomödie der FDP". Vielleicht fällt ihre Kritik auch deshalb so laut aus, weil das von ihrer eigenen Rolle während der Sondierungsgespräche ablenkt. Peter verhandelte beim Thema Kohleausstieg mit – also dort, wo die Grünen weit hinter ihren Erwartungen zurück blieben. 

Zum Schluss ihrer Rede spricht die 51-Jährige einen zweiten Grund für die gelöste Parteitagsstimmung an: "Eine Neuauflage der Großen Koalition rückt näher." Weil die SPD-Führung nun doch mit der Union über eine Koalition reden will, brauchen sich die Grünen nicht zu zerstreiten über die heikle Frage: Bilden sie mit der Union eine Minderheitsregierung, womöglich geduldet von der FDP? Gegen Abend beschließt der Parteitag, sich für eine Minderheitsregierung mit der Union offen zu halten. Das fällt leicht, da eher unwahrscheinlich ist, dass es dazu kommt. Und es macht es den Grünen leichter, die Konservativen zu loben.

Dahinter zeigt sich die zweite erstaunliche Verschiebung im Selbstverständnis der Grünen. Noch im Wahlkampf sprach selbst das Spitzenduo Göring-Eckardt und Özdemir nur andeutungsweise über seine inhaltliche Nähe zur Union. Seit den Sondierungsgesprächen aber gilt insbesondere die CDU geradezu selbstverständlich als möglicher Koalitionspartner der einstigen Ökopartei. Protest der linken Parteiströmung bleibt aus.  

Auch deren inoffizieller Anführer Jürgen Trittin schimpft stattdessen auf die FDP – sogar heftiger als jeder andere. "Die FDP von heute ist eine rechte, bürgerliche Protestpartei" und sei "dezidiert europafeindlich". Außerdem wolle sie "Stimmen rechts der Union einsammeln". Durch den Rückzieher der FDP habe Deutschland "seit dem vergangenen Sonntag einen dramatischen Schritt in Richtung österreichischer Verhältnisse getan".  

So böse die Welt dort draußen ist, so groß ist die Harmonie im Parteitagssaal. Applaus brandet auf, als die 14 Mitglieder des Sondierungsteams sich am Rednerpult zum Gruppenfoto aufstellen. Die Parteitagsregie spielt dazu die Titelmelodie der TV-Serie Das A-Team ab. Schließlich fallen die Delegierten in den Takt des Liedes ein und klatschen im Stehen, bis die Musik verklingt. Schöner wird es für die Grünen nicht werden.