Passt es vielleicht doch nicht? Weder inhaltlich noch atmosphärisch? Nach zwei Wochen Sondierungsgesprächen von CDU, CSU, FDP und Grünen, nach einer kurzen Phase der betonten Gemeinsamkeiten ("Koalition der wertkonservativen, liberale und linken Mitte", "Bündnis der digitalen Chancen") dominieren inzwischen Unhöflichkeiten und Unvereinbarkeiten den Diskurs.

"Schizophren" nannte CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer die Verhandlungsführung des Grünen Robert Habeck. Dessen Parteikollege Jürgen Trittin ärgert sich über die Ergebnislosigkeit der bisherigen Treffen: "Wir haben zehn Tage zusammengesessen. Das Ergebnis sind acht Papiere mit langen Listen von Dissensen", sagte der grüne Ex-Fraktionschef: "Und in vier Bereichen hat man es nicht einmal geschafft, sich darauf zu verständigen, worüber man sich nicht einig ist."

"Keine Angst vor Neuwahlen"

Bei der FDP schätzt man die Chancen für ein Zustandekommen von Jamaika schon seit Wochen bei nicht mehr als "50:50" ein. Die CSU sieht es ähnlich pessimistisch. Auch sie müsse das Verhandlungsergebnis schließlich in Bayern auch vorzeigen können, heißt es bei den Christsozialen. Nicht nur die Grünen hätten eine Basis, die dem ungleichen Regierungsbündnis sehr skeptisch gegenüberstehe.

Und dann betonte der FDP-Vize Wolfgang Kubicki am Freitagmorgen noch: Seine Partei habe "keine Angst vor Neuwahlen". Was wiederum den grünen Verhandler Habeck ärgerte: "Die Leichtfertigkeit, mit der Neuwahlen ins Spiel gebracht werden, verhöhnt jede Anstrengung, die wir hier unternehmen", sagte er ZEIT ONLINE.

Ist das der übliche Theaterdonner, der solche Verhandlungen oft begleitet? Oder kann Jamaika wirklich noch scheitern?

Diese interaktive Präsentation kann mit Ihrem Browser nicht dargestellt werden.
Lesen Sie die Übersicht zum Darüber verhandeln Union, FDP und Grüne in einer optimierten Fassung.

Merkel greift ein

Die Kanzlerin schien jedenfalls genau diesen Eindruck zerstäuben zu wollen. Zum ersten Mal in diesen Sondierungstagen huschte sie nicht an den wartenden Journalisten vorbei, sondern stellte sich vor deren Kameras und Mikrofone. Mit einer – typisch Merkel – verklausulierten, doch aber eindeutig positiven Botschaft: Sie glaube nach wie vor, "dass wir die Enden zusammenbinden können, wenn wir uns mühen und anstrengen", sagte Merkel. Es hätten sich in den Verhandlungen zuletzt zwar Differenzen gezeigt. Aber jetzt gehe es darum, "in der nächsten Etappe die Dinge zu ordnen".

Und FDP-Chef Christian Lindner überraschte die Journalisten mit seiner ganz eigenen Lesart: "Es war nicht das Ziel, während der ersten Phase überhaupt irgendeine einzige Lösung zu finden", behauptete er. Und das, nachdem für den Freitag doch eine "Zwischenbilanz" der Gespräche in großer Runde mit bis zu 50 Verhandlern angekündigt worden war.

Wo hakt es also? Am fremdesten sind vielen der bürgerlichen Verhandler von Union und FDP auf den ersten Blick die Grünen, wegen ihrer linken Positionen, in der Umwelt- oder Asylpolitik – aber auch wegen so mancher Sekundärtugenden. So hält sich die Klage, die Grünen träten besserwisserisch oder hypermoralisch auf: Ständig würden diese mit dem "Weltfrieden" oder "Weltklima" argumentieren. Besonders die FDP-Politiker betonen das gern.

Die Grünen wollen immer viele sein

Auch hinsichtlich der Verhandlungsführung und internen Organisation stehen sich bei Jamaika zwei Welten gegenüber. Zwölf Arbeitsgruppen wurden für die Sondierungen gebildet, in denen Themen von Wirtschaft über Familie bis hin zu Wohnen diskutiert werden. In jede Gruppe schicken die Grünen neben ihren Spitzenkandidaten Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt sehr unterschiedliche Fachpolitiker, auch weil Rotation ein Prinzip ist, das sie in der Politik für wichtig halten.

Union und FDP hingegen verhandeln mehr oder minder immer in der gleichen Aufstellung.

Auch dieser kulturelle Unterschied wird in Lästereien betont: Dass FDP-Generalsekretärin Nicola Beer intern zu allen zwölf Themengruppen die Position ihrer Partei vortrug, wurde bei den Grünen als Beweis dafür gesehen, dass die Liberalen fachpolitisch nach vier Jahren außerparlamentarischer Opposition doch recht ausgedünnt seien. Umgekehrt heißt es im konservativen Lager, es sei schon bemerkenswert, wie die zerstrittenen Grünen ihre Macht- und Profilierungskämpfe auch vor versammelter Sondierungsmannschaft ausführten.

Kohleausstieg als Reizwort

Einig ist man sich immerhin, dass die nächsten beiden Wochen konkrete Ergebnisse bringen müssten, wenn man bis Weihnachten eine Regierung bilden wolle. Auch glauben viele Politiker, dass die wahren Konfliktpunkte, zum Beispiel beim Klimaschutz und in der Flüchtlingspolitik, angesichts ihrer Brisanz nur in ganz kleiner Runde, unter den Parteichefs ausgehandelt werden können. "Natürlich müssen wir uns immer rückkoppeln mit unseren Parteien", sagte CSU-Chef Horst Seehofer am Freitag. "Aber entscheidend ist, wie die Parteivorsitzenden zusammenwirken."

Bei den inhaltlichen Streitpunkten gehen noch dazu die Fronten wild durcheinander. Beim Klimaschutz zum Beispiel äußerte FDP-Vize Kubicki den Verdacht: "Es gibt ganz offensichtlich intensive Beziehungen zwischen Angela Merkel und insbesondere Peter Altmaier zu den Spitzen der Grünen. Das kann man fast schon körperlich spüren." Es klang fast eifersüchtig.

Die Wahrheit ist etwas komplexer. Die Frage, wie Deutschland seine Klimaziele, zu denen es sich international verpflichtet hat, doch noch bis zum Jahr 2020 schaffen könnte, spaltet Jamaika. Die Positionen liegen weit auseinander und sind neben dem Integrationsthema wohl Themen, die erst ganz am Ende der Sondierungen, also kurz vor dem Grünen-Parteitag, geklärt werden können.

Beim Datenschutz ziehen FDP und Grüne an einem Strang

Während die FDP sich als Verfechter der Marktwirtschaft aufschwingt und am liebsten gleich das Erneuerbare-Energien-Gesetz abschaffen will, wollen die Grünen den Ausstieg aus der Kohlekraft so schnell wie möglich umsetzen. 20 alte Kohlekraftwerke sollen aus ihrer Sicht am besten sofort vom Netz gehen. Aus Sicht von CDU, CSU und FDP ein illusorisch-naives Vorhaben. Gerade für die Union, für die der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet die Themen Energie und Klima verhandelt, ist "Kohleausstieg" inzwischen zum Tabuwort geworden: Er fürchtet um Arbeitsplätze im rheinischen Kohlerevier. Auch in Brandenburg teilt man diese Sorge. Werden die Kraftwerksbetreiber im Fall einer Abschaltung entschädigt? Und wenn ja: Wer zahlt? Von "Kreativlösungen" ist inzwischen in der Arbeitsgruppe die Rede, man werde jetzt vor allem rechnen müssen.

Es gibt aber auch Bereiche, wo sich FDP und Grüne sehr nah sind – und die Union, speziell die CSU, den Konsens erschwert. Bemerkbar machte sich das beispielsweise in der Arbeitsgruppe Innen und Recht, wo FDP und Grüne auf den Datenschutz der Bürger drängen, während die Union eher den Fokus auf Überwachung und Sicherheit legt. Beim Thema Migration gefallen sich die Liberalen durchaus in der Rolle des Vermittlers zwischen den Grünen und der CSU. Sie lehnen die strenge Seehofer'sche Obergrenze ebenso ab wie die in ihren Augen idealistische Politik der Grünen.

Lob für Merkel

Beim Familiennachzug für Flüchtlinge wiederum haben sich Union und FDP als Front gegen die Grünen formiert. Die Grünen wollen auch für Kriegsflüchtlinge, die nicht individuell verfolgt werden, das Recht auf den Familiennachzug wieder einführen. Die Rede ist von bis zu 120.000 Nachzüglern. Die Union ist dagegen, FDP-Chef Lindner bezeichnete das als "Konjunkturprogramm für die AfD". Wie dieses Problem gelöst werden soll, ist völlig unklar.

Aber auch das Verhältnis zwischen FDP und Union ist angeknackst. Die Liberalen interpretieren die letzte Regierungszeit mit Merkel keinesfalls positiv. Die FDP hat sich fest vorgenommen, nicht mehr als willige "Verfügungsmasse der CDU" zu enden, wie das gefühlt in den Jahren 2009 bis 2013 der Fall war. Anders als Guido Westerwelle hat Christian Lindner überdies kein Vertrauensverhältnis zu Angela Merkel aufgebaut. Im Gegenteil, die Liberalen treten bewusst unabhängig und selbstbewusst auf. Das beruhe indes auf Gegenseitigkeit: Unionsspitzen wie Volker Kauder seien "nicht nett" zu den Liberalen, klagen diese.

Moderatorin statt Dompteuse

Am Wochenende wird nun verschnauft, ab Dienstag kommender Woche soll es ans Eingemachte gehen. Dann wollen die Unterhändler in großen und kleinen Runden erneut nach Lösungen für Streitthemen suchen.

Viele Verhandler finden es gut, dass Angela Merkel sich in den ersten Wochen der Sondierung öffentlich zurückgehalten hat – was ihr manche Medien bereits vorwerfen. Jamaika braucht zurzeit vor allem eine Moderatorin, keine Dompteuse, sagt ein erfahrener CDU-Politiker. Diese Rolle liegt Merkel bekanntlich. Auch Grüne loben ihre geschickte und ordnende Rolle in den Verhandlungsrunden.

Ob das ausreicht, um die ungleichen Partner zusammenzubringen? Alle Beteiligten wissen um die Verantwortung und die Konsequenzen eines Scheiterns. Neuwahlen wünscht sich in Wahrheit keiner, nicht mal die FDP, wenn sie ehrlich ist.

Gut möglich, dass sich die Parteien irgendwie zu einem Regierungsbündnis zusammenraufen in den kommenden Wochen, notfalls in existenzbedrohenden Krisensitzungen. Ob sie in dieser wackeligen Konstellation aber auch volle vier Jahre als Partner durchhalten, bezweifeln viele.