Ob denn nicht das Mikado-Prinzip gelte, fragt die ZDF-Moderatorin Marietta Slomka den Grünen-Spitzenkandidaten Cem Özdemir: "Wer sich zuerst bewegt, hat verloren?" Davon halte er nichts, antwortet Özdemir. "Die Leute erwarten von uns, dass wir lösungsorientiert vorgehen." Wenn alle immer nur sagen, die anderen sollten sich bewegen, bewege sich gar nichts.

Das Zitat könnte auch von einem Sozialpädagogen kommen. Oder von einem Verhandlungsführer bei Geiselnahmen. Ein solcher Satz kommt üblicherweise aus dem Mund der erwachsensten Person im Raum. Und das sind bei den Sondierungen die Grünen. Sie zeigen sich staatstragend. Sie zeigen sich kompromissbereit. So tönt es in der grünen Funktionärsriege: Wir sind bereit zu regieren! Das wirkt bisweilen dienstbeflissen, manchmal geifernd. Aber es ist  klug und richtig.

Ist es ein Einknicken?

Und das, obwohl es auf den ersten Blick trauriger kaum aussehen könnte. Vom 10-Punkte-Plan der Unverhandelbarkeiten, den die Grünen ihrem Wahlprogramm vorangestellt hatten, bleibt wohl nicht viel übrig. Man könnte tatsächlich auf die Idee kommen, dass sich die Bundespartei, wie es ihr die Grüne Jugend vorwirft, "unter Wert" verkauft. Da ist nichts mehr von einem Kohleausstiegsdatum übrig. Und von der Verkehrswende erst recht nicht. Stattdessen die sehr seifige Formulierung: "Einstieg vom Ausstieg".

Cem Özdemir - Grüne fordern mehr Investitionen für Klimaschutz In Reaktion auf den neuen Finanzspielraum hat Grünen-Parteichef Cem Özdemir Klimaschutz als erste Priorität benannt. Weitere Investitionen fordert er für soziale Gerechtigkeit. © Foto: Silas Stein/dpa

Und so läuft auch das Özdemir-Interview im ZDF auf diese Frage zu: Ist es denn ein Einknicken? Bieten die Grünen, bei aller Erwachsenheit, ihre Grundwerte feil?

Eben nicht. Die Grünen präsentieren sich exakt auf der Höhe ihres Einflusses. Statt eine, im seehoferschen Sinne, offene Flanke zu präsentieren, indem sie dogmatisch auf Symbole setzen und sich so dem Vorwurf der ideologischen Verbrämung aussetzen, geben sie selbst zentralste Positionen zum Diskurs frei. Wissend, dass die Argumente auf ihrer Seite stehen. Dass eine Diskussion um Zukunft, Modernisierung, Digitalisierung – eigentlich alles, worum sich diese Regierung versammeln soll – an ihren Punkten nicht vorbeikommt. Wer ausgezeichnete Karten hat, muss sie nicht verbergen.

Die FDP hingegen hat sich direkt nach der Wahl überreizt. Mit Versprechungen und Härte und Geziere, dass man ja – sollte die FDP nicht angemessen entlohnt werden –  auch immer Neuwahlen halten könnte. So ein Drohszenario muss erst einmal aufrechterhalten werden. Und kann irgendwann nicht einfach abgeräumt werden, ohne sich zu blamieren. Blöderweise ist jetzt der Teil der Verhandlungen angekommen, in dem die FDP das schlechteste Blatt hat.

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