ZEIT ONLINE: Ihre Partei will nun doch mit der Union über eine Regierungsbildung verhandeln. Was wird dabei herauskommen: eine erneute große Koalition oder die Tolerierung einer Minderheitsregierung von CDU und CSU, die Sie favorisieren?

Jo Leinen: In Europa wollen alle ein stabiles Deutschland. Hier in Brüssel wäre den meisten eine große Koalition am liebsten. Das ist die Wunschkonstellation auch von Frankreichs Präsident Macron.

ZEIT ONLINE: Weil dann die SPD als europafreundliche Kraft mitregieren und seine Reformvorschläge für die EU unterstützen würde?

Leinen: Ja. Die große Koalition war ein Anker in der Europapolitik. CDU und SPD zusammen balancieren das politische Gleichgewicht aus, das wir in der EU haben, links und rechts der Mitte. Viele in Brüssel und den anderen Hauptstädten wünschen sich eine Fortsetzung dieser Zusammenarbeit. Das ist ihre Option Nummer eins.

ZEIT ONLINE: Sie aber haben sich wie auch andere führende Mitglieder ihrer Partei für eine von der SPD tolerierte Minderheitsregierung ausgesprochen. Das wäre doch eigentlich ein eleganter Ausweg auch für ihren Parteivorsitzenden Martin Schulz, der ja eine große Koalition abgelehnt hatte: Die SPD könnte Einfluss auf die Regierungspolitik ausüben, müsste aber nicht zum dritten Mal mit und unter Angela Merkel regieren.

Leinen: Die Dinge in Berlin sind völlig im Fluss. Das ändert sich von Tag zu Tag. Aufgrund unseres schlechten Wahlergebnisses blieb zunächst für uns nur die Opposition übrig. Der Scherbenhaufen der geplatzten Jamaika-Verhandlungen hat die Lage aber komplett verändert. Das Grundgesetz sieht keine leichtfertige Auflösung und Neuwahl vor. Deshalb sind wir nun in der Pflicht, dass wir eine Regierung stützen oder uns an ihr beteiligen. Ich bin für die Tolerierung.

ZEIT ONLINE: Im Europäischen Parlament gibt es nie feste Mehrheiten. Es besteht zwar seit Langem eine informelle große Koalition aus Christdemokraten und Sozialdemokraten/Sozialisten, aber es gibt oft auch wechselnde Mehrheiten. Ist das ein Problem – oder vielleicht sogar von Vorteil?

Leinen: Wir sind im Europaparlament entscheidungsfähig, auch mit wechselnden Mehrheiten. Wir sind darin geübt, Koalitionen anhand großer Themen und Sachfragen zu bilden, nicht entlang festgefügter Parteigrenzen.

ZEIT ONLINE: Entspricht das nicht sogar mehr der parlamentarischen Demokratie als unser System, wo sich nach der Wahl eine Koalition bildet, die dann in allen Fragen gemeinsam handelt und stimmt – gegen die Opposition, die vier Jahre lang zur Ohnmacht verurteilt ist?

Leinen: Die politische Kultur im Europäischen Parlament ist in der Tat wesentlich besser als in vielen nationalen Parlament, weil wir nicht festgemauert sind in Mehrheit und Minderheit, Regierung und Opposition. Jeder Partei kann mal bei der Mehrheit, mal bei der Minderheit sein. Bei uns können die Abgeordneten wirklich nach ihrem Gewissen und ihrer Überzeugung agieren und abstimmen. Das bringt eine erfrischende Dynamik und gute Ergebnisse. Wir sind nicht blockiert durch Fraktions- und Koalitionszwang. Wir müsse nicht nein sagen, nur weil eine Idee von einer anderen Couleur kommt.

ZEIT ONLINE: Gibt es auch mal Mehrheiten, bei denen zum Beispiel Christdemokraten oder Liberale mit Linken abstimmen?

Leinen: Ein gutes Beispiel ist die Klimapolitik. Da bilden sich Mehrheiten für eine ambitionierte Position der EU über Parteigrenzen hinweg. Und manchmal auch quer durch die Parteien, etwa der Christdemokraten und der Sozialdemokraten. Die stimmen zum Teil unterschiedlich ab, je nach dem, aus welchen Ländern sie kommen. In anderen Fällen, etwa in Fragen der Wirtschafts- und Sozialpolitik, gibt es eine klare Rechts-links-Teilung. Da stimmen Sozialdemokraten und Linke meist gegen das Lager rechts der Mitte. Oder die Christdemokraten spielen Jamaika – zusammen mit den Grünen und Teilen der Liberalen.

ZEIT ONLINE: Deutschland hat keine Erfahrungen mit wechselnden Mehrheiten. Könnten sie sich vorstellen, dass die SPD mit einer CDU-Minderheitsregierung eine Art Rahmenvertrag schließt, aber in einzelnen Fragen auch mal mit den Grünen und der Linken gegen die Union stimmt? Oder die Union mit FDP und Grünen gegen die SPD?