ZEIT ONLINE: Frau Uekermann, jünger und weiblicher soll die SPD werden, das hat Martin Schulz nach der Bundestagswahl gesagt. Sie sind beides – ihr Parteichef müsste doch täglich bei ihnen anrufen?

Johanna Uekermann: Gute Frage, eigentlich schon. Im Ernst: Wir stehen natürlich im Austausch zur Erneuerung der SPD.

ZEIT ONLINE: Tut Martin Schulz genug, um die Partei zu verändern?

Uekermann: Wir müssen uns vor allem programmatisch weiterentwickeln, dafür wirft Martin Schulz die richtigen Fragen auf. Ich vermisse aber Konkretes zur Frauenförderung im Leitantrag für den Parteitag im Dezember. Gleiches gilt für die Förderung junger Menschen. Wir Jusos wollen, dass unsere Generation in der SPD eine größere Rolle spielt. Das gilt für alle Ebenen, auch die Parteispitze. Deswegen haben die Jusos mich für einen zusätzlichen stellvertretenden Parteivorsitz vorgeschlagen. Dass die SPD jünger und weiblicher wird, darf kein leeres Versprechen bleiben.

ZEIT ONLINE: Warum ist die SPD denn immer noch so alt und männlich?

Uekermann: Es gibt für Frauen in der SPD einfach immer noch viele Hürden. Zum Beispiel Männernetzwerke, fehlende Kinderbetreuung während Parteiveranstaltungen und oftmals eine Kultur, die es Frauen schwerer macht, sich einzubringen. Vielen jungen Frauen ist es schon mal passiert, dass sie einen Vorschlag gemacht haben und dann eher belächelt als bestärkt wurden. Das müssen wir ändern. Wir haben aber auch schon Fortschritte gemacht. Die abwechselnd männlich und weiblich besetzten Wahllisten etwa haben viel bewirkt. Ich hätte mir trotzdem eine Generalsekretärin gewünscht. Niemand zweifelt an der Kompetenz von Lars Klingbeil, aber eine Frau an dieser Position wäre ein richtiges Signal gewesen.

ZEIT ONLINE: Sehen Sie auch Fehler bei den Frauen in der SPD selbst? Müssten die die Macht vielleicht stärker einfordern?

30, ist Bundesvorsitzende der Jusos. Nach vier Jahren tritt sie beim kommenden Juso-Bundeskongress nicht wieder an. Auf dem SPD-Bundesparteitag im Dezember will sie stattdessen eine der stellvertretenden Parteivorsitzenden werden. Uekermann arbeitet als Referentin für einen Bundestagsabgeordneten. © Nick Neufeld

Uekermann: Das passiert ja bereits. Aber es ist notwendig, dass sich Frauen besser vernetzen und sich gegenseitig stärken. Bei den Jusos unterstützen wir Frauen gezielt. Frauenförderung kann die SPD von den Jusos lernen. 

ZEIT ONLINE: Warum braucht die Partei denn mehr junge Frauen wie Sie an der Spitze?

Uekermann: Es geht ja nicht um mich allein – und auch nicht darum, einfach den Altersschnitt an der SPD-Spitze zu senken. Wir Jusos wollen, dass sich die Lebensrealität junger Menschen stärker in der Partei wiederfindet. Das ist derzeit nicht der Fall und das kann sich eine Volkspartei nicht leisten.

ZEIT ONLINE: Die Perspektiven und Lebensrealitäten der jungen Menschen in die Partei tragen: Ist das normalerweise nicht die Aufgabe der Parteijugendorganisationen?

Uekermann: Das stimmt. Und das machen die Jusos auch schon. Aber die wichtigen Entscheidungen werden eben im Präsidium der SPD getroffen – und da sind die Jusos bisher nicht vertreten. Darum geht es uns: Wir wollen an den entscheidenden Stellen mitreden. Deshalb wollen wir auch, dass sich die Partei in der Breite verjüngt und die Erfahrungen von jungen Menschen in Ausbildung, Studium und Berufseinstieg mehr Beachtung finden.

ZEIT ONLINE: Ihre Chancen auf einen Posten als stellvertretende Parteivorsitzende stehen momentan nicht gut. Andrea Nahles hat den Juso-Vorschlag bereits kritisiert und die ausscheidende Aydan Özoğuz hat für ihre Nachfolge Natascha Kohnen vorgeschlagen. Die kommt aus Bayern – wie Sie.

Uekermann: Natascha Kohnen ist ein toller Vorschlag. Sie ist eine starke Frau, die frischen Wind in die Parteispitze bringen wird. Ich unterstütze ihre Kandidatur deshalb voll und ganz. Ich kann auch ehrlicherweise nicht verstehen, warum das in der Öffentlichkeit so gegeneinander diskutiert wird. Bei unserem Vorschlag für ein zusätzliches Amt geht es nicht darum, den Bayern noch einen Platz zu sichern. Wir wollen die Perspektiven der jungen Leute und der Jusos einbinden. Zuletzt kamen zwei Stellvertreter aus Hamburg und wir haben auch mehrere Männer aus Nordrhein-Westfalen an der Parteispitze. Warum sollen da zwei Frauen aus Bayern ein Problem sein?