Dieser Text gehört zu unserer Reportageserie Überland. Sieben Lokalreporter berichten für ZEIT ONLINE aus ihrer Region. Die Serie ist Teil unseres Pop-up-Ressorts #D17 , in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen.

Dietmar Schulze hat seinen Chefsessel gerettet und vielleicht auch seiner Stadt die Zukunft. Sicher ist, dass der Landrat des Kreises Uckermark mit Sitz im kleinen Prenzlau geholfen hat, einen Plan der Brandenburger Landesregierung verhindern, der womöglich beides in Gefahr gebracht hätte.

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Kreis- und Funktionalreform nennt sich das, was Brandenburg in den vergangenen zwei Jahren bis zum Zerreißen polarisierte. Die rot-rote Koalition in Potsdam plante, die Zahl der Landkreise um knapp die Hälfte zu reduzieren. Viele Kommunalpolitiker und zuletzt sogar Ex-Ministerpräsident Stolpe sprachen sich offen gegen das Projekt aus. Eine Volksinitiative gegen die Reform hatte schon fast 130.000 Unterschriften gesammelt. Nachdem nun auch die Landkreise in einer Anhörung die Reform einstimmig abgelehnt hatten, erklärte Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) vorige Woche den Plan für beerdigt. Er habe den Widerstand der Kreise unterschätzt, sagte er. Und Landrat Schulze atmete auf.

Trotz des großen Widerstands kam das Ende der Reform überraschend. Schließlich war sie bis dahin Woidkes Prestigeprojekt. Der Plan sah vor, die meisten der bislang 14 Landkreise Brandenburgs mit einem Nachbarkreis zu fusionieren. Der Landkreis Uckermark hätte dabei mit dem Landkreis Barnim zusammengehen sollen, dessen Amtssitz Eberswalde ist. Wahrscheinlich wäre dann die größere der beiden bisherigen Städte zur Kreishauptstadt geworden, also Eberswalde. Der Ort liegt deutlich näher an Berlin und ist Hochschulstandort. 

"Alle waren derselben Meinung"

Für Landrat Schulze war die Situation heikel: Er ist selbst in der SPD und gehörte der Regierung, die er nun zusammen mit vielen anderen bekämpfte, sogar selbst einmal an, als Staatssekretär für Landwirtschaft. Trotzdem stellte er sich nun gegen den Ministerpräsidenten. "Alle Landräte, gleich welches Parteibuch, waren derselben Meinung. Da ging es wirklich nur um die Sache", sagt Schulze.

Die Kreisreform in Brandenburg ist kein Einzelfall – auch in Thüringen ist derzeit eine vergleichbare Reform in Arbeit. Ein Einzelfall ist lediglich, dass die Pläne vor der Umsetzung gestoppt wurden. In jedem ostdeutschen Bundesland gab es seit der Wende mindestens eine, meistens schon zwei Kreisreformen. Zu DDR-Zeiten waren manche Kreise kleiner als heutige Großgemeinden. Vor allem in den ländlichen Regionen gab es seinerzeit viel mehr Einwohner als heute. Im Landkreis Uckermark ging die Bevölkerung seit 1993 um mehr als ein Viertel zurück. Die Kreisreformen schienen unumgänglich: Wo weniger Menschen leben, steigen die Pro-Kopf-Kosten für die Kreisverwaltung. 

Der Landrat des Kreises Uckermark, Dietmar Schulze (SPD) © Monika Strehlow/Nordkurier

Doch mit jeder Reform wird deutlicher, dass es gute Gründe gibt, an diesem alten Rezept für schrumpfende Regionen zu zweifeln. Das zeigte zuletzt die Gebietsreform in Mecklenburg-Vorpommern, wo 2011 die flächengrößten Landkreise der Bundesrepublik entstanden, fast jeder größer als das Saarland.

"Die Hoffnungen haben sich nicht erfüllt"

Felix Rösel vom Ifo-Institut in Dresden hat mehrere Studien verfasst und Dutzende weitere ausgewertet. Er sagt: "Die Hoffnungen, die mit den Strukturreformen verbunden werden, haben sich bislang nicht erfüllt." Kosteneinsparungen ließen sich in so gut wie keinem Fall nachweisen. Hinzu kämen neue Probleme. "Da ist einerseits das Gefühl der Degradierung und Zurücksetzung, auch der regionalen Identität, wenn eine Kreisstadt ihren Titel verliert", sagt Rösel. "Das ist im Osten ein ganz besonderes Problem."

Da sei aber auch die wirtschaftliche Seite: "Studien zeigen, dass es erhebliche Kaufkraftverluste in den Städten gibt, die ihren Kreissitz verloren haben." Die Jobs in den Kreisverwaltungen gehörten schließlich zu den besser bezahlten, gerade in strukturschwachen Gebieten.

In seinen Studien beschreibt Rösel auch unmittelbar politische Folgen, die die Zusammenlegungen haben können: Der Wissenschaftler hat untersucht, wie sich in den Landkreisen Brandenburgs die Zustimmung zur AfD entwickelt hat. Bei der Landtagswahl im Jahr 2014, also vor Bekanntwerden der Reformpläne, lag die AfD überall bei etwa 12 Prozent. Bei der Bundestagswahl erzielte sie in den von der Reform nicht betroffenen Regionen um die 18, in den betroffenen aber durchschnittlich 22 Prozent. 

Auch in Mecklenburg-Vorpommern gab nach einer großen Kreisreform von 2011 einen ähnlichen Effekt. "Und genau dasselbe beobachten wir auch in anderen europäischen Ländern", sagt Rösel. "Das Bittere daran ist, dass die Populisten ja in der Regel weder versprechen, die Reformen rückgängig zu machen, noch alternative Pläne vorstellen. Die greifen einfach nur den Frust ab."