ZEIT ONLINE: Lassen Sie uns über Leitkultur reden, ein Reizbegriff von Rechts wie von Links. Was halten Sie davon?

Olaf Zimmermann
: Er ist verbrannt, weil er politisch missbraucht worden ist. Man sollte ihn nicht mehr verwenden. Der damalige Unions-Fraktionschef Friedrich Merz hat ihn vor zwanzig Jahren zu einem Kampfausdruck gemacht. Egal, mit welchen Inhalten man den Begriff jetzt füllt, er löst nur noch Emotionen und keine Diskussionen aus. Die Debatte an sich ist jedoch wichtig. Was hält uns als Gesellschaft noch zusammen? Gibt es einen gemeinsamen Wertekanon? Was meinen wir mit kultureller Integration? Darüber müssen wir sprechen und streiten. 

ZEIT ONLINE: Die Integrationsbeauftragte Aydan Özoğuz meint, eine spezifisch deutsche Kultur jenseits der Sprache sei nicht identifizierbar. Noch-Innenminister Thomas de Maizière dagegen findet, zur deutschen Leitkultur gehöre, sich die Hand zu geben, das Gesicht nicht zu verschleiern sowie das Leistungsprinzip.

Zimmermann: Beides sind Extrempositionen. Natürlich verbinden uns mehr als nur die Sprache und weit mehr als sich die Hand zu schütteln, was ja auch Menschen anderer Völker machen. Wir haben als Deutscher Kulturrat deshalb versucht, mit der Initiative Kulturelle Integration selbst einen Vorschlag für eine positive Deutung zu machen – eine Klammer, die uns zusammenhält. Das fängt damit an, dass wir uns Regeln setzen. Die Grundlage ist das Grundgesetz, in dem in den ersten Artikeln vor allem die Freiheitsrechte beschrieben sind. Die gelten für alle, die in diesem Land leben.

ZEIT ONLINE: Aber wieso brauchen wir dann noch eine verbindende Kultur?

Zimmermann: Recht und Gesetze reichen nicht aus, und es geht auch um mehr als nur soziale Regeln. Uns sind bestimmte Werte, Tugenden, Verhaltensweisen wichtig. Zum Beispiel, dass und wie wir miteinander kommunizieren. Bis hin zu der Frage, was machen wir mit unserer Geschichte? Führt die alle Menschen zusammen, die hier leben? Auch diejenigen, die hinzukommen, übernehmen ein Stück Verantwortung für die deutsche Geschichte. Genauso wie wir aus der Geschichte Tabus ableiten, zum Beispiel, dass wir nicht antisemitisch sein wollen.

ZEIT ONLINE: Müssen wir deshalb auch sensibel sein bei muslimischen Antisemitismus?

Zimmermann: Absolut. Wenn jemand aus einem arabischen Land hierherkommt, egal, mit welchem Schutzstatus, kann er nicht sagen, in seiner Heimat gehöre Antisemitismus zu den kulturellen Werten und das bringe er mit nach Deutschland. Da gibt es klare Grenzen.

ZEIT ONLINE: Und wie ist das mit dem Antiislamismus?

Zimmermann: Zu den Lehren aus unserer Geschichte und damit zu unserer Kultur gehört auch, andere Völker und Kulturen nicht abzuwerten. Das gilt selbstverständlich auch für die muslimische Kultur und Religion. Religiöse Toleranz ist einer der zentralen Pfeiler unseres Zusammenlebens. Jeder darf seine Religion leben – privat wie öffentlich. Wir sind ja kein laizistischer Staat wie Frankreich. Deshalb haben Muslime auch ein Recht darauf, Moscheen zu bauen, sichtbar wie Kirchen oder Synagogen. Das ist kein Gnadenakt, sondern leitet sich aus unserem Grundgesetz ab.

ZEIT ONLINE: Ist es dennoch angebracht, davon zu sprechen, dass unsere deutsche und europäische Kultur christlich-jüdisch geprägt ist? Oder ist das schon eine Abwertung des Islam?

Zimmermann: Selbstverständlich ist unsere Kultur in Europa stark von der christlichen Religion beeinflusst. Auch von der jüdischen. Aber die haben unsere Vorfahren auszulöschen versucht. Auch das gehört zur Wahrheit. Diese Prägung muss man nicht verschweigen, trotz aller Entchristianisierung. Durch die Migration wächst der Einfluss des Islam. Das ist in unserer religionsoffenen Verfassung nicht nur möglich, sondern erwünscht. Jeder kann glauben, was er möchte. Oder auch nicht.

ZEIT ONLINE: Aber davon abgesehen: Was macht das Deutsche aus?

Zimmermann: Die deutsche Kultur steht nicht allein. Sie ist Teil der europäischen Kultur. Auch die amerikanische Kultur gehört, wenn man so will, dazu. Sie wurde ja von europäischen Auswanderern begründet. Neben der christlichen Prägung ist die Aufklärung ein zentraler Bestandteil. Da wurden in der harten Auseinandersetzung mit der Kirche Werte festgelegt, die heute noch von großer Bedeutung sind, zum Beispiel Individualität. Jeder Mensch, jeder Einzelne hat ein besonderen Wert, er ist nicht nur Teil einer sozialen Gruppe.

ZEIT ONLINE: Das gehört aber schon zum christlichen Menschenbild.

Zimmermann: Das Neue ist seit der Reformation, dass der Mensch sich nicht mehr die Gnade Gottes erarbeiten muss. Aber er trägt Verantwortung für sein Handeln. Das geht bis zum Raubbau an der Natur. Wer ganz individuell ist, kennt im Prinzip keine Grenzen mehr. In einer konformistischen Gesellschaft ohne Freiheitsrechte könnte man den Naturverbrauch einfach begrenzen. Das geht bei uns nicht. Eine freiheitliche Gesellschaft geht Risiken ein.