Die Gänge: ausgestorben; das Plenum: leer; die Sitzungswoche: abgesagt. Im Bundestag wird gerade nicht gestritten. Seit der konstituierenden Sitzung befindet er sich im Ruhemodus. Und trotzdem sind alle Augen auf das deutsche Parlament gerichtet. Denn hundert Meter hinter dem Reichstag steht die Parlamentarische Gesellschaft. Hinter den schweren Holztüren dieses Sandsteingebäudes sondieren seit knapp drei Wochen Union, FDP und Grüne über einen möglichen Koalitionsvertrag.

Für Lobbyisten bedeuten Sondierungsgespräche vor allem eins: Überstunden. Während Journalisten und Bürger gespannt vor der Tür rätseln, auf was sich die Parteien geeinigt haben, ist es der Beruf der Lobbyisten, diese Gespräche zu beeinflussen. Sondierungen und Koalitionsverhandlungen sind Hochzeiten für Lobbyisten, denn für sie gilt: Wer jetzt gut arbeitet, hat für die kommenden vier Jahre vorgesorgt.

Gut 5.000 bis 6.000 Lobbyisten versuchen in Berlin, die Interessen ihrer unterschiedlichen Arbeitgeber in die Verhandlungen einfließen zu lassen, schätzt Christina Deckwirth von LobbyControl. Der Verein setzt sich für mehr Transparenz und eine bessere Kontrolle der Lobbytätigkeiten in Berlin ein. Denn dass die Zahl der Lobbyisten nur vage geschätzt werden kann, ist ein Teil des Problems, sagt Deckwirth. Ein einheitliches Lobbyregister, in das Interessenvertreter eingetragen sein müssen, gibt es zwar in Brüssel und Washington, nicht aber in Berlin.

Thematisch geht es den Lobbyisten vor allem um die wirtschaftlich relevanten Themen. Integration ist für sie kaum von Interesse, besonders umkämpft sind dieses Jahr die Themen Diesel und Kohleausstieg, sagt Deckwirth. Aber auch auf die Abschaffung des Solidaritätszuschlags oder der Mietpreisbremse versuchen die Lobbyisten Einfluss auszuüben. Doch wie funktioniert das konkret? 

Trotz Internet: Was zählt, ist der persönliche Kontakt

Für die Lobbyisten ist es besonders wichtig, möglichst früh an die Verhandlungspapiere zu kommen, sagt Deckwirth. Nur so können sie wissen, welche Positionen kursieren. Diesmal sind viele der groben Sondierungspapiere öffentlich zugänglich. Lobbyisten versuchen dann, ihre Themen auf die Agenda zu setzen. Deshalb verschicken Lobbyverbände gerade massenhaft Positionspapiere und versuchen, die Abgeordneten zu kontaktieren. Denn am besten ist immer noch das persönliche Gespräch. "Ich habe von einem Abgeordneten gehört, der gleich am Montag nach der Wahl die erste SMS mit der Bitte um ein Treffen bekommen hat", sagt Deckwirth. Gut gepflegte Netzwerke zahlen sich eben aus, genauso wie der Einkauf von Seitenwechslern.

Aktuelles Beispiel: Mietpreisbremse. Der CDU-Politiker Michael Hennrich ist Vorsitzender des Eigentümervereins Haus und Grund Württemberg, der sich für ein Ende der Mietpreisbremse einsetzt. "Ich gehe von einer stillen Beerdigung der Mietpreisbremse aus", sagte Hennrich kürzlich in einem Interview. Das Zitat machte schnell als vermeintliche CDU-Position die Runde.

Ein weiteres Beispiel: Energie. Für die Liberalen wird Stefan Kapferer an der Arbeitsgruppe Klima- und Energiepolitik teilnehmen. Kapferer ist FDP-Mitglied – und amtierender Hauptgeschäftsführer des Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft, des wichtigsten Energieverbandes in Deutschland. Auch wenn Kapferer laut FDP kein Verhandlungsmandat haben wird, hat er doch so die Möglichkeit, die Interessen der Energiewirtschaft direkt am Sondierungstisch einzubringen.