Wenn man noch einmal das Spiegel-Interview mit Emmanuel Macron sowie seine Europa-Rede in der Sorbonne nachliest und das mit dem Trauerspiel der Jamaika-Sondierungen hierzulande und der fast völligen Abwesenheit von Angela Merkel in der Öffentlichkeit vergleicht, kann man wehmütig werden. Da redet der 39 Jahre junge französische Präsident ganz unbefangen von Führung. Und beweist sie auch gleich, indem er eine Vision für Frankreich und für Europa entwickelt, die er unter drei Leitbegriffe stellt: Souveränität, Einheit, Demokratie. Dafür will er kämpfen, jede Minute seiner Amtszeit. Man nimmt es ihm ab.

Und die deutsche Kanzlerin? Was macht sie? Nach zwei Wochen des Gehampels der Möchtegern-Jamaikaner verkündete sie am Freitag, sie sehe Chancen, "dass wir die Enden zusammenbinden können". Welche Enden? Die diversen Papierchen, in denen die Emissäre von CDU, CSU, FDP und Grünen festgehalten haben, wo sie sich (nicht) einig sind? Was möchte Merkel daraus machen? Ein Kompendium des Versagens von vier Parteien, sich auch nur ansatzweise einen Begriff davon zu machen, welche Politik das Land braucht?

Führung war noch nie die Stärke von Merkel. Sie führte als Kanzlerin immer von hinten, wartete, wohin sich der Wind drehte, um sich dann im letzten Moment an die Spitze zu stellen. Machttaktisch ist so etwas klug. Man verprellt keine Wählergruppe und ist fast immer bei der Mehrheit. Nur einmal, im Herbst 2015, war sie mutig. Aber durch die Art und Weise, wie sie ihre Willkommenspolitik umsetzte, verspielte sie ihren Kredit gleich wieder. Und zwar nachhaltig.

Nicht hören, nicht sehen, nicht reden

Hinzu kommt, dass Merkel aus ihrem Debakel bei der Bundestagswahl nichts gelernt hat. Stattdessen agiert sie wie 2005 nach ihrer ersten, fast verlorenen Bundestagswahl: Besser gar nichts sagen, keine Richtung vorgeben, abwarten, wie sich die Dinge entwickeln.

Für das Land ist ein solches opportunistisches Nichtführen fatal. Will Merkel den Bürgern allen Ernstes bis Weihnachten oder gar bis ins neue Jahr dieses alberne Wir-mögen-uns-nicht-wir-mögen-uns-doch-Schauspiel des schwarz-gelb-grünen Grauens zumuten? Ohne dass sie auch nur im Entferntesten erklärt, was sie mit ihrer angestrebten neuen Regierung zustande bringen will?

Sicher: Der französische Präsident hat eine ganz andere Machtfülle. Er ist vom Volk direkt gewählt. Macron braucht keine Koalition, er kann durchregieren. Er hat sich das allerdings hart erkämpft und aus dem Stand gewonnen. Gegen die Rechtsradikale Marine Le Pen, die weit schlimmer und mächtiger war als die AfD, gegen Konservative und Sozialisten. Mehr geht kaum.