Pünktlich zur Zwischenbilanz der bislang eher turbulent verlaufenden Sondierungsgespräche gehen die Querelen weiter. Schleswig-Holsteins Vize-Regierungschef Robert Habeck (Grüne) wirft der FDP vor, mit Neuwahlen zu liebäugeln und so unverantwortlich zu handeln.

Die Äußerung von FDP-Vize Wolfgang Kubicki, die FDP habe keine Angst vor Neuwahlen, halte er für "grundfalsch", sagte Habeck ZEIT ONLINE: "Die Leichtfertigkeit, mit der Neuwahlen ins Spiel gebracht werden, verhöhnt jede Anstrengung, die wir hier unternehmen."

Wolfgang Kubicki hatte sich unzufrieden mit den Sondierungsgesprächen gezeigt. "Die FDP hat keine Angst vor Neuwahlen", hatte der Vize-Parteichef den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschlandgesagt. "Wenn Union und Grüne sich auf eine falsche Politik verständigen wollen, werden wir die Einzigen sein, die widerstehen." Die Grünen teilten aus "wie wild", seien aber beleidigt, wenn ihre Positionen hinterfragt würden.

Kraft für Verhandlungen, nicht für Neuwahlplanungen

Habecks Antwort: Dass Union, FDP und Grüne in inhaltlichen Punkten "grandios weit auseinander" seien, wüssten doch alle Parteien seit dem Wahlkampf: "Die Konzentration muss darauf gehen, Lösungen zu finden und nicht in den Sack zu hauen. Ich hoffe, dass die FDP genauso viel Kreativität und Kraft für die Verhandlungen aufbringt, wie für Neuwahlplanungen."

Zwar sei Jamaika "nicht verdammt zum Regieren", sagte Habeck. Aber die Politik müsse das Votum der Menschen ernst nehmen. "Was machen wir denn, wenn die nächsten Wahlen noch mal so ausgehen. Die Leichtfertigkeit, mit der gesagt wird: Dann eben nicht, das ist mir zutiefst suspekt."

Habeck und Kubicki kennen sich aus Schleswig-Holstein, wo beide ebenfalls in einem Jamaika-Bündnis regieren. Bisher hatten beide immer betont, dort arbeiteten Grüne und FDP hervorragend zusammen.

Kritik an Habecks Verhandlungsführung

In den letzten Tagen hatten sich die Politiker aber über Fragen der Agrarpolitik gestritten. FDP und CSU werfen Habeck, der das Thema für die Grünen verhandelt, vor, er habe erste Einigungen bereits als "Agrarwende" überinterpretiert – so wie sie die Grünen fordern. CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer sagte daraufhin: Habecks  Äußerungen stünden "im krassen Widerspruch zum bisherigen Sondierungsergebnis" und seien ein "Misstrauensvotum" gegen Habecks eigene Verhandlungsführung für die Grünen. "Das ist echt schizophren", sagte Scheuer der dpa.

Habeck fühlt sich nun missverstanden. Er habe das Wort "Agrarwende" bewusst nicht verwendet, sagte er ZEIT ONLINE. Seine Äußerungen seien medial nur so interpretiert worden: "Weil Nervosität und Gereiztheit so groß sind, muss nur ein Reizwort fallen und alle prügeln aufeinander ein", sagte Habeck.  "Die letzten Wochen sind nicht gut gelaufen, dass müssen wir zugeben. Da kann nur der Schluss sein: Die nächsten Wochen müssen besser laufen."

Merkel glaubt an Jamaika

Auch der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann hatte am Freitag vor einem Scheitern der Gespräche über eine Jamaika-Regierung gewarnt. Das wäre auch eine "Katastrophe" für Europa, "das eh sehr instabil ist".

Der Grünen-Politiker Jürgen Trittin sagte über die vergangenen zwei Wochen Sondierungsgespräche: "In vier Bereichen hat man es nicht mal geschafft, sich darauf zu verständigen, worüber man sich nicht einig ist." Er habe langsam den Eindruck, dass die CDU und Merkel "offensichtlich darauf setzen, möglichst lange geschäftsführend im Amt zu sein".

CDU, CSU, FDP und Grüne schließen am Freitag die erste Sondierungsrunde mit einer Zwischenbilanz in einer großen Runde mit mehr als 50 Politikern ab. In der kommenden Woche beginnt dann die zweite Sondierungsrunde, in der detailliert um Lösungen für die offenen Fragen in den einzelnen Themenbereichen gerungen werden soll. Besonders umstritten sind die Themen Klima- und Flüchtlingspolitik. Die Kanzlerin hingegen zeigte sich am Freitag zuversichtlich, dass es noch zu schaffen sei, die Enden zusammenzubinden.

Robert Habeck - Müssen die Grünen wieder linker werden? In einer Jamaika-Koalition müssen sich die Grünen als linke Partei positionieren, findet der Kieler Abgeordnete Robert Habeck. Warum es dennoch richtig war, zwei gemäßigte Spitzenkandidaten aufzustellen, erklärt er im Videointerview. © Foto: Ana-Marija Bilandzija für ZEIT ONLINE