Zwischen den Parteien einer möglichen Jamaika-Koalition ist erneut Streit ausgebrochen. CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer widersprach der Grünen-Interpretation der Sondierungsergebnisse zur Landwirtschaft. Schleswig-Holsteins Agrarminister Robert Habeck müsse "in einer anderen Veranstaltung gewesen sein", sagte Scheuer. Seine Äußerungen stünden "im krassen Widerspruch zum bisherigen Sondierungsergebnis" und seien ein "Misstrauensvotum" gegen Habecks eigene Verhandlungsführung. "Das ist echt schizophren", sagte Scheuer.

Habeck hatte zuvor erklärt, dass Union, FDP und Grüne sich gemeinsam mehr Tierschutz und weniger Pestizideinsatz zum Ziel gesetzt hätten und sich darin einig seien, das gemeinsam mit den Bauern erreichen zu wollen. Union und FDP warf er aber vor, mögliche Wege zu diesem Ziel abzulehnen, da sie sowohl ordnungsrechtliche Maßnahmen ablehnten als auch eine Finanzierung über den Bundeshaushalt oder eine Umschichtung von EU-Agrarsubventionen.

Auch zwischen den Grünen und der FDP gibt es Ärger. FDP-Vize Wolfgang Kubicki wies Beschwerden über Äußerungen von Parteichef Christian Lindner zurück. Über das Auftreten der Grünen mit ihren knapp neun Prozent bei der Bundestagswahl sei er "wirklich erstaunt", sagte Kubicki. "Sie fordern von den Freien Demokraten Demutsgesten, öffentliche Bekenntnisse, teilen aus wie wild und sind beleidigt, wenn ihre Positionen sachlich infrage gestellt werden. In diesem Klima kann nichts gedeihen", monierte Kubicki. Der FDP-Politiker kritisierte auch die CDU. Diese tue so, "als sei es bereits eine Gnade, dass die FDP-Sondierer überhaupt mit am Tisch sitzen dürfen".

"Ganz ordentlich gekracht"

Am Donnerstag wurde zunächst ein Papier abgenickt, das den Sondierungsstand zum Thema Landwirtschaft zusammenfasst, das am Vortag kontrovers diskutiert worden war. In dem dreiseitigen Papier bekennen sich die vier Parteien zwar zum Ziel, die Landwirtschaft zu stärken und weniger Chemikalien einzusetzen. In dem Papier werden aber vor allem die Differenzen und offenen Punkte betont. Bei der Vorstellung des Papiers gerieten bereits der Grünen-Bundesgeschäftsführer Michael Kellner mit CSU-Generalsekretär Scheuer aneinander. Dieser warf Kellner vor, nicht die Beschlüsse, sondern das Grünen-Parteiprogramm vorzutragen. Der Grünen-Politiker hatte zuvor angemerkt, seine Partei müsse die seit 2005 verfehlte Energiepolitik wieder auf Vordermann bringen und zudem gesagt: "Wir schützen die bäuerliche Landwirtschaft, die Bienen und nicht die Agroindustrie."

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Auch bei den Sondierungen zu Landwirtschaft und Verkehr habe es "ganz ordentlich gekracht", sagte CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt. Die Grünen hatten sich zudem empört über Angriffe von FDP-Chef Christian Lindner geäußert. Dieser hatte der Bild gesagt, mit ihrer Position zur Flüchtlingspolitik böten die Grünen "ein Konjunkturprogramm für die AfD". Grünen-Vorsitzende Simone Peter erwiderte darauf in der Berliner Zeitung: "Mit populistischen Plattitüden lassen sich Sondierungen allerdings nicht ernsthaft führen."

Streit über Freihandel, Umgang mit Russland und Renten

Bei der fünften inhaltlichen Sondierungsrunde wurden am Donnerstag die Themen Außenpolitik, Verteidigung, Entwicklung, Handel sowie Familienpolitik diskutiert. FDP-Europapolitiker Alexander Graf Lambsdorff forderte mehr Freihandelsabkommen. "90 Prozent des globalen Nachfragewachstums in den nächsten 20 Jahren werden außerhalb Europas entstehen", sagte der FDP-Unterhändler. "Deswegen befürworten wir den Abschluss weiterer Freihandelsabkommen mit wichtigen Partnern wie Japan, Australien und die Ratifizierung selbstverständlich des Abkommens mit Kanada", sagte er. Die Grünen wollen ökologische und soziale Leitplanken in Handelsabkommen.

In der Außen- und Verteidigungspolitik ist zum einen umstritten, ob Deutschland mehr Geld für Rüstung ausgeben soll. Lambsdorff forderte einen umfassenden Ansatz, bei dem bis 2024 die Ausgaben für Verteidigung, Entwicklung und Diplomatie erhöht werden sollten. Grünen-Chef Cem Özdemir warnte, in der Verteidigungspolitik funktioniere das Motto "viel hilft viel" nicht. Umstritten ist auch der Umgang mit Staaten wie Russland oder der Türkei. Özdemir bestand auf die Fortführung der EU-Sanktionen gegen Russland, die die FDP skeptisch sieht. Bereits in der Sondierung zu Europa hatte sich ein Dissens beim Thema Türkei gezeigt: Vor allem CSU-Landesgruppenchef Dobrindt plädierte für einen Abbruch der EU-Beitrittsverhandlungen. Özdemir lehnte dies erneut ab.

In der Familienpolitik dringt die CSU auf die erneute Anhebung der Mütterrente. Dobrindt und CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer bezeichneten dies als "letzte Ungerechtigkeit" im Rentensystem. Die anderen drei Parteien lehnen dies ab, weil die erneute Aufstockung der Rentenansprüche für Mütter, deren Kinder vor 1992 geboren wurden, mehrere Milliarden Euro pro Jahr kosten würde. Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt forderte, dass eine Jamaika-Koalition in der Familienpolitik vor allem Hilfen für Kinder in Armut und Alleinerziehende in den Mittelpunkt stellen sollte.