Die SPD war immer stolz auf ihr Pflichtbewusstsein. Schon in Weimar waren es im Zweifel die Sozialdemokraten, die selbst dann Regierung und Republik noch stützten, als alle anderen sich verächtlich abwandten. Die Partei war dafür traditionell dem Zorn ihrer Anhänger ausgesetzt, die die reine Lehre verraten sahen.

Diese Staatsräson ging so weit, dass die SPD lieber Abspaltungen am linken Flügel in Kauf nahm, als die Republik in eine Regierungskrise schlittern zu lassen, mehr als einmal. Mochten die eigenen Leute noch so schimpfen, den deutschen Staat, den wollten die Sozialdemokraten nie im Stich lassen.

Diesmal jedoch soll es anders sein. Für eine große Koalition stünde die SPD "nicht zur Verfügung", beeilte sich ihr Parteichef Martin Schulz am Montag zu betonen. Was man nach der historischen Wahlniederlage vom 24. September gesagt habe, gelte auch heute noch. Sozialdemokratische Standfestigkeit, mal andersherum.

Nur, warum eigentlich diesmal?

Gut, es gibt dieses Merkel-Trauma, das die zeitgenössischen Spitzengenossen quält. Zweimal hat sich die SPD als Juniorpartner auf eine Regierung mit ihr eingelassen. Zweimal war die SPD Aktivposten und Reformmotor, absolut verlässlich und überaus produktiv. Beide Male wurde sie aber vom Wähler brutal abgestraft. Für die SPD ist das genug an Beweisführung: Merkel sauge ihre Partner aus, und am Ende gewinne immer sie. So lautet sinngemäß die sozialdemokratische Sicht der Dinge. Wer mit der Kanzlerin paktiere, habe schon verloren.   

Regieren ist Mist?

Ärgerlich an dieser Argumentation ist, dass sie völlig egoistisch ist. Früher galt bei der SPD der Grundsatz: erst das Land, dann die Partei. Inzwischen ist es andersherum. Weil die SPD weitere Prozentpunkte Verlust fürchtet, trifft sie die Union nicht mal mehr zum Sondierungsgespräch. Argumentiert wird ausschließlich mit dem Wohl der Partei. Regieren ist Mist, würde der alte Münte heute wohl sagen.  

Dass die SPD indes erneut das Regierungshandeln prägen könnte, dass sie wieder Politik für ihre Wähler machen könnte, ist für die SPD im Moment zweitrangig. 

Dabei wären die Bedingungen diesmal sogar noch besser als sonst: Die SPD könnte einer verunsicherten Union den Kurs nahezu diktieren. Sie könnte den Preis hochtreiben, es sich teuer bezahlen lassen, dass Merkel noch eine Weile Kanzlerin bleiben darf. Die neue große Koalition müsste kein Bündnis des Stillstands sein, sondern sie könnte fortschrittlich und effektiv für das Land arbeiten. Ob Neuwahlen oder eine Minderheitsregierung denselben Effekt hätten, dafür gibt es keine Garantie.

Berlin - Bundespräsident sucht Gespräche mit Parteien Frank-Walter Steinmeier will nach dem Scheitern der Jamaika-Sondierungen durch Gespräche die Blockade bei der Regierungsbildung auflösen. Bundestagspräsident Schäuble erinnert die Parteien an ihre Verantwortung und drängt zu Kompromissen. © Foto: Michael Kappeler/dpa