Der neu gewählte Bundesvorstand der AfD © Philipp von Ditfurth/dpa

Jetzt hat er 14 Mitglieder, der Vorstand der Alternative für Deutschland, eines mehr als bisher: Zwei Vorsitzende, drei Stellvertreter, einen Schatzmeister und seinen Stellvertreter, einen Schriftführer, sechs Beisitzer. Wer sind die wesentlichen Köpfe und wie sind sie in den gegensätzlichen Lagern der AfD gelitten?

Neu ist Frank Pasemann, Stellvertretender Schatzmeister

Bei der Landtagswahl 2016 blieb er erfolglos, erfolgreich war erst seine Kandidatur für die Bundestagswahl. Und das obwohl der 57-jährige Magdeburger in der AfD als "Rechtsaußen-Intrigant" gilt, der mit Gesinnungsgefährten aus dem Landesverband die Verbindung der AfD zur völkischen Identitären Bewegung pflegt, die der Verfassungsschutz beobachtet. Außerhalb von Sachsen-Anhalt kannte ihn bisher kaum jemand. Pasemann studierte 1989 Politische Ökonomie und schloss als Diplom-Ökonom/Diplom-Lehrer ab. Ein Jahr nach seinem Parteieintritt 2015 kandidierte er bereits für den Landtag. Seinen Lebensunterhalt verdiente der Selbstständige danach unter anderem als Mitarbeiter des Abgeordneten Oliver Kirchner, der wie Pasemann selbst zur Patriotischen Plattform in der AfD gehört und linke Politiker "Gesinnungsfaschisten" nannte.  

Auf einer Mitgliederversammlung der AfD-nahen Patriotischen Plattform im November 2016, die Frank Pasemann als Tagungspräsident leitete, diskutierten Mitglieder, ob man Nazis negativ beurteilen dürfe, und warben für die Einbeziehung von Rechtsextremisten in die Partei. Ein Datenleak von 2010 enttarnte Pasemann als Kunden des von Rechtsradikalen geschätzten Onlineshops Thor Steinar.

Unter den AfD-intern Gemäßigten machte sich nach der Wahl Pasemanns in Hannover Entsetzen breit: "Pasemann ist das Schlimmste, was uns passieren konnte", schrieben die Parteitagsbeobachter in einem Blog der Alternativen Mitte (AM). "Gegen den ist [der sächsische Höcke-Freund und Bundestagsabgeordnete] Jens Maier ein Glühender AM-Verfechter."

"Mein Herz schlägt im Osten", sagte Pasemann in seiner Bewerbungsrede beim Parteitag in Hannover, wo er sich unpolitisch gab: "Finanzen haben keine Flügel." Doch besonders die Anhänger des nationalkonservativen Flügels um den Thüringer Fraktionschef Björn Höcke bejubelten seine Wahl. ‘"Das ging aus unserer Sicht schief", bilanzierte die AM lakonisch Pasemanns Wahl.

Andreas Kalbitz: Beisitzer

Der Brandenburger Kalbitz erbte von Alexander Gauland den Landesvorsitz, seit der Bundestagswahl ist er auch Chef der Landtagsfraktion. Der 44-jährige Kalbitz schrieb für rechtsextreme Publikationen wie das Vereinsblatt der Jungen Landsmannschaft Ostdeutschland. Er war bei den vom Verfassungsschutz beobachteten Republikanern aktiv. Dass er bis 2015 einen von Nazis, SS-Offizieren und NPD-Funktionären gegründeten Kulturverein leitete, bezeichnete Kalbitz im Tagesspiegelals "Teil meiner Biografie" und er könne sich "nicht von mir selber" distanzieren.  

Kalbitz ist redegewandt und kompetent. Er formuliert eindeutiger als Höcke und steht dem Thüringer in seinen Ansichten und auch in der Rhetorik kaum nach. Er beklagte eine "geistige und seelische" Kastration der Deutschen. Deutschland löse sich auf "in den Köpfen und Seelen der Menschen, die durch die Multikulti-Propaganda der Deutschlandhasser bis zur Selbstvernichtung hin verblendet und verblödet worden sind". Kalbitz ist Sozialpolitiker wie Höcke. Er will, dass sich die Mittelschichtspartei AfD mehr für die "kleinen Leute" starkmacht. Er gehört zu jenen Fundamentaloppositionellen, die eine Regierungsbeteiligung der AfD bis auf Weiteres vermeiden wollen. Seine Wahl zum orstandsbeisitzer bejubelten auch die Höcke-Anhänger stark. Er kündigte aber auch an, mit der Alternativen Mitte zusammenarbeiten zu wollen.

Alexander Gauland: Bundesvorsitzender

Gauland ist einer der bekanntesten AfD-Politiker. Der 76-jährige Politprofi kommt aus der CDU. Der gewiefte Taktiker ist seit Jahren der heimliche Vorsitzende der AfD, gegen ihn kann dort keiner Karriere machen. Er hat keine Berührungsängste mit dem nationalkonservativen Parteiflügel um Björn Höcke. Eigentlich wollte Gauland in Hannover als stellvertretender Parteichef kandidieren. Doch als die Wahl Georg Pazderskis wegen einer von den Nationalkonservativen ins Rennen geschickten Gegenkandidatin scheiterte, trat notgedrungen Gauland an und schockierte den innerparteilichen gemäßigten Flügel. Von einem "Todesstoß" für die Partei war die Rede. Denn Gauland wurde als einziger Kandidat gewählt – mit einem Durchschnittsergebnis von 67 Prozent.

Gauland ist wie der wiedergewählte Bundesvorsitzende Jörg Meuthen ein Gewährsmann der Höcke-Unterstützer. Die innerparteilich Gemäßigten beklagten nach seiner Wahl, die Spitze sei nun "mit zwei Personen besetzt, die an einer ernsthaften Befassung mit den Problemen am Außenrand der Partei bislang nicht durch konsequentes Auftreten in Erscheinung getreten sind". Das sei "nicht leicht verdaulich". Nach Gaulands Wahl erklärte ein Mitglied bei seinem Landesvorsitzenden noch im Tagungssaal seinen Parteiaustritt.  

Guido Reil: Beisitzer

Der 47-Jährige Reil ist schwer einzuordnen. In der AfD wird er beargwöhnt, weil er als gelernter Bergmann 26 Jahre SPD-Mitglied war, zehn Jahre Vorsitzender des Ortsvereins, acht Jahre als Ratsherr in Essen. Reil engagierte sich als Gewerkschafter und Betriebsrat. "Eigentlich glaub ich ja, dass die meisten Muslime hier einfach friedlich leben wollen", sagte er einmal im Wahlkampf. Seit seinem Eintritt in die AfD strengt die Arbeiterwohlfahrt seinen Ausschluss an. Reil inszeniert sich als "bodenständiger Malocher" – nicht einfach in einer unternehmer- und mittelschichtsfreundlichen Partei wie der AfD. Er überzeugte die Delegierten in Hannover unter anderem mit seinem Mantra: "Ich bin glaubwürdig und ich kann nicht lügen."

Stephan Protschka: Beisitzer

"Servus Patrioten, ich bin Patriot", begrüßte Protschka die Parteitagsdelegierten in seiner Bewerbungsrede. Der Bayer gehörte zur Jungen Union Bayern, Franz Josef Strauß war einst sein Idol. Seit 2013 ist er in der AfD, er gründete den Bezirksverband Niederbayern mit. Er präsentierte sich als Vertreter der Parteimitte, der mit den Vertretern aller Flügel klarkomme: "Ich rede mit jedem, von Höcke bis von Storch, von Poggenburg bis Weidel." Seine politischen Maximen sind AfD-Mainstream: Familie, Kinder, gegen Burka und Nikab, "gegen Gender an deutschen Schulen". Für den anstehenden Landtagswahlkampf kündigte er an: "Die CSU muss weg, die CSU wird geschlachtet." Bei seiner Wahl hatte er auch die Unterstützung der parteiinternen Gemäßigten.

Steffen Königer: Beisitzer

Der Sprecher der AfD-internen Gemäßigten-Gruppe Alternative Mitte in Brandenburg verweist gern auf seine Vergangenheit als DDR-Regimegegner. Er gründete 1989 das Neue Forum mit. Der gelernte Vulkaniseur war Redakteur der rechtskonservativen Wochenzeitung Junge Freiheit. Seit 2013 gehört er zur AfD, seit 2014 sitzt er im brandenburgischen Landtag. Königer bezeichnet sich als "waschechter Preuße", von den preußische Tugenden begeistern. Sein Hauptthema ist der Kampf der AfD gegen "Gender-Mainstreaming" und das, was sie Political Correctness nennt. Wobei er auch vor problematischen historischen Vergleichen nicht zurückschreckt: Die 68er hätten in Deutschland "verbrannte Erde hinterlassen", sagte Königer in seiner Bewerbungsrede in Hannover. "Das ist der totale Krieg gegen das Volk der Dichter und Denker." 

Jörg Meuthen, Bundesvorsitzender

An der Spitze der AfD steht jetzt mit Meuthen einer, der sich als Integrator inszeniert, die Diskussionen in der Partei aber laufen lässt und sich auf keine politische Strategie festlegt. Der 56-jährige Baden-Württemberger ist Finanzfachmann. Er kann gut mit Alexander Gauland und den anderen Protagonisten des nationalkonservativen Flügels. Er zeigt sich öffentlich mit dem Thüringer Nationalisten Björn Höcke. "Meine Heimat ist Deutschland. Und ich bekenne mich dazu", sagte er in seiner Bewerbungsrede.

Georg Pazderski: Stellvertretender Bundesvorsitzender

Der 66-jährige gelernte Großhandelskaufmann wollte eigentlich mit Jörg Meuthen Parteivorsitzender werden. Doch er verlor den Kampf um den Posten, weil die Nationalkonservativen um Björn Höcke eine weitgehend unbekannte Gegenkandidatin gegen ihn ins Rennen schickten und ihn durch eigens entsandte Fragesteller in Verlegenheit brachten. Am Ende des Wahlkrimis wurde Gauland Co-Bundeschef, Pazderski Bundesvize. Pazderski steht für einen realpolitischen Kurs und will die Partei bald regierungsfähig machen. Er war der Wunschkandidat der innerparteilich Gemäßigten von der Alternativen Mitte. Allerdings für den Spitzenposten neben Meuthen. Der gemäßigte Flügel verkaufte die 57 Prozent Wahlergebnis für Pazderski als stellvertretenden Bundesvorsitzenden am Ende dennoch als ihren Erfolg.

Die Maximen des Außen- und Sicherheitspolitikers sind AfD-Mainstream: Grenzkontrollen, Migration, die vermeintlichen Schlepper im Mittelmeer, die Terrorgefahr. Pazderski tritt öffentlich stets kontrolliert auf, durch radikale Ausfälle wurde er nicht bekannt. Parteikollegen beschreiben ihn als strukturiert arbeitenden, vermittlungsstarken Politiker. Doch sein Berliner Landesverband ist nicht skandalfrei – kürzlich musste er die Vorstandswahl wiederholen, weil sie manipuliert war.

Albrecht Glaser: Stellvertretender Bundesvorsitzender

Ganze 42 Jahre lang war Glaser Mitglied der CDU, lange war er Stadtkämmerer in Frankfurt am Main. Auch für ihn war es die Eurorettungspolitik von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die ihn dazu brachte, aus der Union auszutreten. Glaser hat als Chef der Programmkommission maßgeblich am rechtskonservativen Wahlprogramm mitgeschrieben. Glaser ist Mitglied der Burschenschaft Allemannia Heidelberg. Glasers Wahl zum Bundestagsvizepräsidenten scheiterte mehrfach. Die anderen Fraktionen verweigerten ihm die Zustimmung, weil er den Islam als politische Ideologie bezeichnet.

Kay Gottschalk, Stellvertretender Bundesvorsitzender

Der 51-Jährige Gottschalk ist Bundestagsabgeordneter aus Hamburg und kam aus dem Stand auf einen der Vizeposten. Auf dem Weg zur Tagungshalle in Hannover wurde der gelernte Jurist und Bankfachmann im Gerangel mit linken Gegendemonstranten verletzt, auf dem Parteitag trug er den Arm in einer Binde. Die Empörung über die Gewalt schlug sich auch ein seiner sehr emotionalen Bewerbungsrede nieder und sicherte ihm ein gutes Wahlergebnis. Er klagte auch über die "verschissene EU" – was ihm später Kritik eintrug. Solche Rhetorik gehöre eher zum Parteiflügel um Björn Höcke, beklagte ein Vertreter der parteiinternen Gemäßigten von der Alternativen Mitte.

Klaus Fohrmann: Schatzmeister

Der 65-jährige Hamburger Fohrmann gilt als korrekter Finanzfachmann. Seit 2013 in der AfD genießt er seit Jahren das Vertrauen der Partei als Schatzmeister.    

Joachim Kuhs, Schriftführer

Kuhs ist so unbekannt, dass die Bundesgeschäftsstelle auf die Schnelle kein Foto von ihm auftreiben konnte, um den neuen Bundesvorstand zu präsentieren. Er zog als Vertreter der Christen in der AfD Kritik auf sich, als er während der Flüchtlingskrise für eine Begrenzung christlicher Nächstenliebe eintrat.  

Alice Weidel: Beisitzerin

Das politische Profil der Bundestags-Fraktionschefin Weidel ist noch immer schwer auszumachen. Als der moderate Parteigründer Bernd Lucke in der AfD an Zustimmung verlor, sicherte sie ihm ihre Unterstützung zu. Kurz darauf wechselte sie jedoch ins Lager seiner konservativen Konkurrentin Frauke Petry, die Lucke stürzte. Im Bundestagswahlkampf schlug die 38-jährige Weidel scharfe, auch nationalistische Töne an. Auf Nachfrage bekannte sie, auch mit dem Rechtsaußen Björn Höcke Wahlkampf machen zu wollen. Zugleich trieb sie das Ausschlussverfahren gegen ihn voran. Bei ihrer Wahl in Hannover erhielt sie ein durchschnittlich gutes Ergebnis von 69 Prozent. Zuvor versuchten mehrere Nationalkonservative, darunter Höcke selbst, sie mit Nachfragen als Gemäßigte zu desavourieren.

Beatrix von Storch: Beisitzerin

Die bisherige stellvertretende Parteichefin ist eine der schillerndsten Figuren der AfD. Gemeinsam mit ihrem Mann Sven von Storch betreibt sie ein Netzwerk von Stiftungen und Vereinen, mithilfe derer sie für eine stark konservative Bildungs- und Familienpolitik wirbt – bis zum Verbot von Abtreibungen. Im Januar 2016 forderte sie, die deutschen Grenzen müssten mit Waffengewalt gegen den Zustrom von Flüchtlingen verteidigt werden. Storch sprach bei der bundesweit angelegten Gründungsveranstaltung der Alternativen Mitte im Oktober und hat seither die Sympathie des Großteils der Gemäßigten.  

Fazit: Für die innerparteilichen Gemäßigten von der Alternativen Mitte war die Wahl des Bundesvorstands mit dem Durchmarsch Meuthens und Gaulands anfangs ein Schock, am Ende aber kein völliger Rückschlag. Obwohl es ihr Hoffnungsträger Pazderski nicht auf einen der beiden Spitzenposten schaffte, gab man sich am Ende ausgesöhnt: "Gauland hat das in bester Absicht getan", hieß es über sein Einspringen nach der gescheiterten Stichwahl Pazderskis gegen seine nationalkonservative Herausforderin. Die Besetzung der weiteren Vorstandsposten habe gezeigt, dass die Nationalkonservativen keine Mehrheit in der Partei hätten. Das anfängliche Entsetzen darüber, dass der rechte Flügel Pazderski an der Parteispitze verhinderte, ist gewichen: "Höcke geht nicht gestärkt aus dem Parteitag hervor", sagt Jens Wilharm, Sprecher der Alternativen Mitte der AfD in Niedersachsen.   

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