"Die Fraktion ist nicht Teil der Partei", konstatiert Doris von Sayn-Wittgenstein am Rednerpult. Als Antwort klingt ein lauter Lacher aus der Tagungshalle des AfD-Parteitags zurück. Es ist das fatalistische Lachen eines AfD-Funktionärs aus dem Nordwesten Deutschlands, der gegen die schleswig-holsteinische Landesvorsitzende ankämpft, aber spürt, dass er schwerlich etwas auszurichten vermag. Einer jener Landtagsabgeordneten, die beklagen, dass die 63-jährige Rechtsanwältin von Sayn-Wittgenstein die innerparteiliche Kommunikation untergrabe, dass sie sich weigere, Schreiben der Abgeordneten unter den Parteimitgliedern weiterzuverbreiten. Nicht mal Facebook-Postings der Fraktion teilt die Partei. Datenschutz, sagt von Sayn-Wittgenstein.

Unsinn, sagt Fraktionschef Jörg Nobis. "Das machen andere Parteien auch so." Er hat den die Juristen des Landtags um Prüfung gebeten. Bisher kannte von Sayn-Wittgenstein außerhalb Schleswig-Holsteins kaum jemand. Prominent wurde sie für einen Tag, als der Rechtsaußen-Flügel sie auf dem Parteitag in Hannover fast zur Bundesvorsitzenden machte. Ihre spontane Nominierung durch die Nationalkonservativen um Björn Höcke sprengte sämtliche  Absprachen der Parteiflügel. Mit einer frei gehaltenen Bewerbungsrede über die starken, einigen Deutschen wärmte sie das Herz der Partei, die Nationalisten jubelten ihr zu. Am Ende fehlte zur Wahl eine einzige Stimme.

Klingt wie eine Kleinigkeit – zeigt aber die Spaltung in der Partei

Diese Machtprobe hat die Gräben nicht nur in der Nordwest-AfD weiter vertieft. Spätestens, seitdem der Landesvorstand um Sayn-Wittgenstein einen Mailverteiler abschaltete, in dem sich Kreisvorstandsmitglieder austauschten, ist die Stimmung dort am Boden, mancher wittert Zensur. "Solche Methoden sehen viele in der AfD sehr kritisch", sagt Nobis, um Sachlichkeit bemüht. Oberflächlich sieht das alles nach Formalienstreit aus. Doch im Kern ringen hier Nationalkonservative wie Sayn-Wittgenstein mit bürgerlich-konservativen Realpolitikern wie Nobis bundesweit um die Vorherrschaft in der AfD.

Die Partei hat 2017 ihr Ziel erreicht: den Einzug in den Bundestag. Die Fraktion arbeitet bisher ruhig, bei der Wahl der Fraktionsführung blieben rechte Hardliner außen vor. Sie ist so etwas wie die realpolitische Bastion der AfD. Umso stärker brodelt es an der Peripherie: Noch in der Tagungshalle von Hannover auf dem Parteitag gab ein Niedersachse seine Mitgliedskarte zurück, weil an die Bundesspitze zwei dem rechten Flügel Zugeneigte gewählt wurden: Jörg Meuthen und Alexander Gauland.

Die Machtkämpfe in der AfD verlaufen alle nach einem ähnlichen Muster: Da werden Absprachen gebrochen, mit juristischen Kniffen Rivalen kaltgestellt, parteiintern politisch Andersdenkende ausgegrenzt, gemobbt, im Extremfall per organisierter Mehrheit abgewählt. Dazu kommen diejenigen, die aus Überzeugung freiwillig gehen. Und dann sind da noch die persönlichen Fehden – Verleumdungsvorwürfe, in denen die Antipoden sich gegenseitig Fristen setzen und mit Unterlassungsbegehren oder Klagen überziehen.

Entmachtung und Mobbing

Frauke Petrys Abgang ist der prominenteste Vorfall dieser Art aus diesem Jahr. Als die Bundesvorsitzende der Partei eine realpolitische Strategie verordnen wollte, ließen die Nationalkonservativen sie fallen. Dabei hatte dieser rechte Rand 2015 selbst noch geholfen, Petry an die Parteispitze zu heben. Doch die AfD-Basis mag keine Autoritäten: "Die Partei duldet keine Halbgötter", sagt einer, der das zu spüren bekam. Petry wurde erst brüskiert, dann kaltgestellt, schließlich trat sie aus, um ihre eigene rechtskonservative Bürgerbewegung zu gründen.

In Sachsen versuchten im Sommer Vorstandsmitglieder auf einem Sonderparteitag Petry ihre Direktkandidatur in ihrem Wahlkreis für den Bundestag zu nehmen – zwar erfolglos. Doch Petry war fortan politisch angeschlagen: In ihrer Heimat kam kaum einer ihrer Wahlkampfauftritte zustande.

Ähnlich lief es in Sachsen-Anhalt: Hier entmachteten die Unterstützer von Landtagsfraktionschef André Poggenburg kritische Vorstandsmitglieder, entzogen ihnen Rederecht und Ausschussmitgliedschaften. Poggenburg stellte Kritiker öffentlich bloß, indem er Teile eines geleakten WhatsApp-Chatverlaufs auf einem Landesparteitag an die Wand projizieren ließ. Später wurde ein Chat mit nationalistischen Parolen aus dem Poggenburg-Lager öffentlich. Jüngst lasen auch die Kritiker von Sayn-Wittgensteins in Schleswig-Holstein in der Presse, was sie in ihre Smartphones getippt hatten. 

Abgänge

Mit Petry entschied sich auch der Bundestagsabgeordnete Mario Mieruch gegen eine Fraktionsmitgliedschaft – beide sitzen nun im Plenarsaal als Einzelabgeordnete direkt hinter der AfD-Fraktion. In einigen Bundesländern traten seit Petrys Rückzug mehrere Dutzend Abgeordnete und Vorstandsangehörige zurück oder gleich aus der Partei aus. Ähnliches vollzog sich nach der Wahl in den Landtagen von Schwerin, Düsseldorf, Bremen, Hamburg und Berlin. In Sachsen existiert wegen solcher Abgänge nur noch ein Not-Landesvorstand.

Die Landtagsfraktion in Baden-Württemberg hat die Folgen ihrer Spaltung von 2016 nur oberflächlich verarbeitet. Vor wenigen Wochen trat Heinrich Fiechtner aus und verließ auch gleich die Partei. Hintergrund ist der Fall Wolfgang Gedeon: Der AfD-Abgeordnete hatte ein Buch geschrieben, das andere AfD-Kollegen als antisemitisch kritisierten. Nach einem langen Machtkampf war Gedeon aus der Fraktion ausgetreten.

Begonnen hatten die Absetzbewegungen innerparteilicher Kritiker 2015 in Thüringen, wo der AfD-Nationalist Höcke die Fraktion führt. Unter anderem war dort ein Parlamentarier frustriert zur SPD gewechselt, in Sachsen-Anhalt einer zur CDU, zwei weitere verließen die AfD-Fraktion, einer gar die Partei – aus Protest gegen "totalitäre Tendenzen" und weil er seine Überzeugungen nicht verraten wollte.

Rechtsbrüche

Die Parteigerichte der AfD haben viel zu tun, auch die Landeswahlleiter sind gut beschäftigt mit Fällen wie in Nordrhein-Westfalen: Da stimmten Personen mit über die Kandidaten für die Bundestagswahl ab, die gar nicht zur Partei gehörten. In Berlin musste ein Landesparteitag wiederholt werden, weil Betrüger zusätzliche Wahlzettel in die Urne gesteckt hatten.

In Dresden halten AfD-Hardliner an Montagabenden gemeinsam Hof mit Pegida – entgegen aller Abgrenzungsbeschlüsse. Dazu kommen noch die Skandale um die Parteijugend: Die Junge Alternative (JA) verbrüdert sich vielerorts mit der völkischen Identitären Bewegung – entgegen der Parteiregeln. Der Berliner JA-Vorstand wurde deshalb jüngst zum Rücktritt gezwungen. Vor Kurzem enthüllte ZEIT ONLINE, dass Poggenburgs engster Mitarbeiter einem später verbotenen Neonazi-Verein angehörte.

Immer wieder überziehen sich Funktionäre gegenseitig mit Anzeigen, Unterlassungsbegehren, gar Klagen. Der Kieler Fraktionschef Nobis forderte von Sayn-Wittgenstein kurz vor Weihnachten mit Fristsetzung auf, sich zu Mobbing-Vorwürfen gegen die Fraktion zu erklären. Lang währte ein Streit in Hessen: AfD-Mitgründer Konrad Adam musste sich gerichtlich gegen den Vorwurf verteidigen, er sei gegen die Frau eines Parteikollegen handgreiflich geworden. In Magdeburg wirft eine gekündigte Mitarbeiterin einem Abgeordneten sexuelle Belästigung vor. Und Fraktionschef Poggenburg musste sich auf dem Bundesparteitagsplenum in Hannover fragen lassen, warum er mit der Tochter eines Fraktionskollegen liiert ist.