Zuletzt wirkte es, als sei die Alternative für Deutschland nach den Wahlerfolgen der jüngeren Zeit Richtung Normalität unterwegs: Sie hat Abgeordnete in fast allen deutschen Parlamenten, sie kassiert die Wahlkampfkostenerstattung vom Staat, sie wählt immer mehr Bundestagsberufspolitiker in ihre Führung. Gewichtige Machtfragen entscheidet sie nach sorgfältiger Vorbereitung – so wie auch andere Parteien gelegentlich in Kungelrunden abklären, wer aufsteigt und wer noch warten muss.

Zum Parteitag in Hannover war vorgesehen, dem wiedergewählten Parteichef Jörg Meuthen einen Vertreter des gemäßigten Parteiflügels entgegenzusetzen. Ein Korrektiv, das den Einfluss der von Meuthen hofierten Nationalkonservativen begrenzt. Die Chance bestand, den Berliner AfD-Realpolitiker Georg Pazderski so zu installieren, dass auch der Flügel um den Thüringer Nationalisten Björn Höcke damit hätte leben können. Der Hinterzimmerdeal stand kurz vor dem Abschluss. Doch dann wurde die Chance vertan, die divergierenden Strömungen in der Parteispitze abzubilden.

Der Ausgang des ersten Delegiertentreffens nach der Bundestagswahl zeigt, wer in der AfD das Sagen hat: der Höcke-Flügel, der eine Gewährsfrau gegen Pazderski ins Rennen schickte. Eine Kandidatur, die sämtliche Absprachen sprengte und in eine entwürdigende Stichwahl mündete, ohne dass die notwendige Mehrheit zustandekam. Die Höckianer verbrannten mit diesem Machtspiel die Kandidatin Doris von Sayn-Wittgenstein, die nach ihrem knappen Scheitern ihre Aufgabe erfüllt hatte: Pazderski nachhaltig zu beschädigen und letztlich Gauland ins Amt zu nötigen.

Dieser Showdown von Hannover legt den wahren Kern der AfD offen und zeigt: Der rechte Rand franst weiter ins Radikale aus. Jene Rückwärtsgewandten, die auch Grundrechte einschränken würden, um Deutschland zu einem muslimfreien Nationalstaat zurückzuentwickeln, treiben alle anderen in der AfD vor sich her. An der Spitze steht jetzt mit Meuthen einer, der sich als Integrator inszeniert, die Dinge in der Partei aber laufen lässt und sich nie festlegt. Mit Gauland rückt ein nationalkonservativer Verfechter des fundamental-oppositionellen Kurses auf. Regieren lassen will er die AfD frühestens, wenn sie auf Augenhöhe mit den "Freiheitlichen" in Österreich ist.  

Mittig gespalten

Widerlegt ist nun auch die gängige Analyse, die AfD sei dreigeteilt: in Nationalkonservative, Bürgerlich-Gemäßigte und ein weiteres Drittel Wankelmütige, die sich mal auf die eine, mal auf die andere Seite schlagen. Der entwürdigende Schaukampf zwischen Pazderski und seiner Herausforderin zeigte deutlich wie nie: Die Partei ist mittig gespalten.

Doch der Eindruck, beide Hälften befänden sich in der Balance, trügt. Denn die Nationalkonservativen sind erfahren und geübt, ihre Interessen wirksam zu artikulieren und entschlossen durchzusetzen. An der Parteispitze sitzen jetzt zwei ihrer Gewährsleute. Die innerparteilich Gemäßigt-Konservativen dagegen haben sich zwar jüngst in der Alternativen Mitte organisiert. Meuthen und Gauland können dieses Bündnis als Beleg für innerparteiliche Pluralität vorzeigen. Doch wahrnehmbar ist es nicht, die gemäßigten Mitglieder des Bündnisses agieren vor allem im Verborgenen – parteiintern wirft man ihnen vor, die AfD zu spalten.

So wurde auch in Hannover ihre Chance vertan, sich als Alternative in der Alternative zu exponieren. In Erinnerung blieb nur das irritierende Lob für das Trio der gewählten Parteivizes Pazderski, Gottschalk und Glaser, von denen bestenfalls Pazderski ein Bürgerlich-Gemäßigter ist. Das grenzt an Selbstaufgabe.

Wie sie die Partei in den nächsten zwei Jahren wirksam führen wollen, wissen wahrscheinlich nicht mal Meuthen und Gauland selbst. Meuthen ist jetzt Europaabgeordneter, sein Lebens- und Arbeitsmittelpunkt liegt Hunderte Kilometer von der Bundesgeschäftsstelle entfernt. Der 76-jährige, bisherige brandenburgische Landesvorsitzende Gauland hat zwar den kurzen Weg in die Berliner Parteizentrale, ist aber mit der Führung der Bundestagsfraktion ausgelastet. Daher droht der Partei ein Führungsvakuum.

Bisher konnte der erfahrene Stratege Gauland als stellvertretender Parteichef im Hintergrund die Fäden ziehen. Nun, da er neben Meuthen an die Spitze gezwungen wurde, ist der informelle Posten des heimlichen Parteichefs neu zu vergeben.