Auf dem Parteitag der Alternative für Deutschland in Hannover sind Jörg Meuthen und Alexander Gauland zur Doppelspitze gewählt worden. Meuthen wurde ohne Gegenkandidat mit 72 Prozent der Stimmen wiedergewählt. 415 AfD-Delegierte votierten für den Vertreter des rechten Flügels, 140 gegen ihn, 21 enthielten sich. Gauland erhielt knapp 68 Prozent der Stimmen. 26 Prozent stimmten gegen den Chef der Bundestagsfraktion, 5 Prozent enthielten sich.

Gauland und Meuthen kündigten an, die Partei zusammenhalten zu wollen. Meuthen sagte, der Ausgang der Wahl sei so nicht erwartet worden; es sei aber ein gutes und ehrliches Ergebnis. Die AfD sei nicht gespalten: Es sei völlig normal, dass es unterschiedliche Flügel gebe.

"Ich habe auch die Nein-Stimmen registriert", sagte Gauland. Mit Verweis auf sein Alter von 76 Jahren sagte er, er habe sich das so nicht vorgestellt: "Aber nun hat das Schicksal anders gespielt." Daher habe er sich von vielen Freunden in die Pflicht nehmen lassen. Die Partei sei bei der Wahl des Vorstands in einer gefährlichen Situation gewesen. Gauland gilt als Strippenzieher in der Partei.

Pazderski und Glaser werden Stellvertreter

In einem turbulenten Macht- und Richtungskampf war zuvor der als vergleichsweise gemäßigt geltende Berliner Landeschef Georg Pazderski gescheitert. Bei der Abstimmung zum Co-Sprecher kam es zum Patt mit Doris von Sayn-Wittgenstein. Die beiden Kandidaten konnten in zwei Durchgängen nicht die entscheidende Mehrheit auf sich vereinigen und zogen nach einer längeren Unterbrechung ihre Kandidaturen zurück.

Pazderski wurde später zum ersten von drei Stellvertretern des Parteivorstands gewählt. Zweiter Stellvertreter wurde der AfD-Bundestagsabgeordnete Kay Gottschalk. Gottschalk sagte, er er sei auf dem Weg zum Parteitag von Demonstranten an der Hand verletzt worden. Als dritter Stellvertreter setzte sich der Bundestagsabgeordnete Albrecht Glaser gegen den Höcke-Vertrauten André Poggenburg durch. Glaser war im Oktober dreimal bei der Wahl zu einem der Bundestags-Vizepräsidenten gescheitert.

Überraschung durch eine Newcomerin

Zunächst hatte die bundespolitisch unbekannte Doris von Sayn-Wittgenstein einen knappen Vorsprung von zwölf Stimmen. Im zweiten Wahlgang lag der Berliner Pazderski mit neun Stimmen vorn. Da es aber auch Enthaltungen und Nein-Stimmen für beide gab, reichte es für keinen der beiden. Daraufhin wurde der Parteitag unterbrochen.

Die schleswig-holsteinische Landeschefin Sayn-Wittgenstein vertritt den rechten "Flügel", der Berliner Landeschef den gemäßigten Teil der Partei. Dass sich Pazderski als parlamentserfahrener Pragmatiker gegen eine Kandidatin, die erst 2016 in die AfD eingetreten ist, nicht durchsetzen konnte, wird als Sieg der nationalkonservativen Richtung um Björn Höcke und André Poggenburg gewertet.

Von Sayn-Wittgenstein und Pazderski zogen nach der Unterbrechung überraschend ihre Kandidaturen zurück. Stattdessen trat nun Alexander Gauland an – ohne Gegenkandidat.

Der 56-jährige Europaparlamentarier Meuthen hat trotz seines wirtschaftsliberalen Hintergrundes viele Unterstützer beim rechtsnationalen Flügel der Partei. Zu dieser Gruppe bekannte er sich ausdrücklich in seiner Rede auf dem Parteitag. Meuthen war AfD-Fraktionschef des zerstrittenen Landesverbandes in Baden-Württemberg.

Die Neuwahl der Führung steht im Mittelpunkt des zweitägigen Treffens, das von Demonstrationen und Protesten begleitet wurde. Zuvor war auf dem Parteitag ein Antrag zur Abschaffung der bisher üblichen Doppelspitze abgelehnt worden. Seit dem Rückzug von Frauke Petry nach der Bundestagswahl führt Meuthen die Partei allein. Seine Wiederwahl galt als gesichert.

Proteste gegen AfD-Parteitag

Als aussichtsreichster Kandidat für den Co-Vorsitz galt zunächst der Berliner Landeschef Pazderski, der als vergleichsweise Gemäßigter einen Ausgleich zu Meuthen abbilden sollte. Gauland war zunächst nicht für den Posten angetreten.

Etwa 6.500 AfD-Gegner zogen am Samstagnachmittag vom Tagungsort, dem Kongresszentrum, in Richtung Stadtzentrum. Ihre Kundgebung stand unter dem Motto "Unser Hannover – bunt und solidarisch! – Protest gegen Rechtsextremismus und Rechtspopulismus".  Zuvor waren bei Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei mehrere Polizisten und mindestens ein Demonstrant verletzt worden. Gottschalk sagte, er er sei auf dem Weg zum Parteitag von Demonstranten an der Hand verletzt worden.