ZEIT ONLINE: Herr Hoffmann, wie haben Sie am Wochenende den Parteitag der AfD in Hannover erlebt?

Karsten Hoffmann: Die AfD hat auf dem Parteitag am Wochenende neben Jörg Meuthen den bisherigen Stellvertreter Alexander Gauland zu ihrem Bundessprecher gewählt, also zum Vorsitzenden. Ich hatte gehofft, dass der Berliner Landesvorsitzende Georg Pazderski gewählt wird. Seine Wahl wäre ein Zeichen der Einheit und ein Signal in Richtung Realpolitik gewesen. Gauland hat sich zuletzt ganz klar dem rechten Flügel der AfD zugeneigt. Seine Bemerkung, die in Deutschland geborene Integrationsministerin Özoğuz "in Anatolien zu entsorgen", war einfach menschlich unanständig – bei aller Kritik an ihren politischen Positionen. Einer Gauland-AfD wollte ich nie angehören.

ZEIT ONLINE: Er zeigt sich ja auch ohne Scheu mit dem Thüringer Nationalisten Björn Höcke. Auch Jörg Meuthen war bei einem Treffen in Thüringen dabei.

Hoffmann: Ich will nicht alle über einen Kamm scheren. Mit Höcke persönlich würde ich politisch nie zusammenarbeiten. Das gilt aber nicht für alle in seinem Flügel. Die Parteispitze hätte zum Höcke-Flügel die gebotene Distanz wahren müssen. Das habe ich vermisst.

ZEIT ONLINE: Meuthen sagt ja immer, er spricht mit allen Strömungen der AfD, Gauland auch. Waren die beiden jemals bei der Alternativen Mitte, Ihrer Interessengemeinschaft?

Hoffmann: Nein. Das zeigt, dass sie nicht zwischen den Flügeln der Partei stehen, sondern auf einer Seite.

ZEIT ONLINE: Sie haben in Hannover noch in der Tagungshalle Ihren Mitgliedsausweis zurückgegeben. Was war der Auslöser?

Hoffmann: Zunächst lief der Parteitag ungewohnt professionell: Der Einlass klappte schnell, wir haben ohne lange Diskussion elektronisch abgestimmt. Frustrierend war dann, dass das Tagungspräsidium die Presse in rüdem Ton zurechtwies. Und erst recht, dass unser Kandidat Georg Pazderski in zwei Wahlgängen durchfiel. Die Leute des Höcke-Flügels haben über die Saalmikrofone versucht, Pazderski mit polarisierenden Fragen zu provozieren. Seine Gegenkandidatin Doris Sayn-Wittgenstein wurde für ihre gesellschaftsfeindliche Rede in Sprechchören bejubelt und es fehlte ihr nur eine einzige Stimme zur Wahl als Parteivorsitzende.

ZEIT ONLINE: Was kam dann?

Hoffmann: Als feststand, dass Alexander Gauland ohne Gegenkandidaten zum zweiten Bundesvorsitzenden gewählt werden würde, hat es mir gereicht. Ich habe meinem Landesvorsitzenden Armin-Paul Hampel meinen Mitgliedsausweis in die Hand gedrückt und bin nach Hause gefahren. Dort habe ich dann meine Austrittserklärung geschrieben. 

ZEIT ONLINE: In der Alternativen Mitte hätten Sie doch ein Korrektiv sein können zu den Nationalisten der AfD.

Hoffmann: Ich kann mich noch immer mit den Zielen der Alternativen Mitte identifizieren. Doch wir wollten in der AfD nicht nur geduldet sein, sondern eine Kurskorrektur erreichen. Das ist mit den neuen Vorsitzenden leider nicht mehr möglich.

ZEIT ONLINE: Was genau am Höcke-Flügel lehnen Sie ab?

Hoffmann: Zum Beispiel dessen Umgang mit dem Islam oder mit Russland. Der Islamismus ist eine große Bedrohung für unsere Gesellschaft, aber der Islam ist eine legitime Religion. Deshalb sollte man Reformbewegungen unterstützen, statt den Muslimen pauschal zu sagen: Euer Glaube ist keine Religion. Auch die von vielen vertretene Loslösung Deutschlands von der Nato und eine Hinwendung zu dem autoritären Regime Russland ist völlig abwegig.

ZEIT ONLINE: Das steht aber alles sinngemäß im Programm der AfD von Anfang 2016. Seit wann hadern Sie mit Ihrer Partei?

Hoffmann: Das Parteiprogramm widerspricht nicht meinen Überzeugungen. Darin ist ein Bekenntnis zur Nato als Verteidigungsbündnis und darin steht sinngemäß: Wir lehnen den politischen Islam ab, Muslime aber nicht. Das Problem ist: Das kann man so oder so interpretieren. Es gab immer wieder unnötige Provokationen, die mir inhaltlich völlig fremd waren – vom "afrikanischen Ausbreitungstyp" über den Schusswaffeneinsatz an der Grenze bis zur Behauptung, dass angeblich niemand Jérôme Boatengs Nachbar sein wolle. Was mich aus der Partei getrieben hat, sind die Äußerungen und das Verhalten ihrer Spitzenvertreter.

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