Im Hotel Ramada in Hürth bei Köln haben sich am Vormittag des Heiligabends rund 50 Personen, darunter zwei Frauen, versammelt, und hinter verschlossenen Türen und nach unklaren Regeln eine Wahl getroffen. Der deutsche Moscheeverband Ditib hat jetzt einen neuen Vorstand. Die Umstände dieser Veranstaltung, der aufmerksamkeitsfeindliche Zeitpunkt vor allem, wären kaum bemerkenswert, wenn dieses Jahr nicht ein sehr besonderes Jahr für Ditib gewesen wäre.

Anfang des Jahres wurde bekannt, dass fast 20 Ditib-Imame in Deutschland tatsächliche oder vermeintliche Kritiker des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan bespitzelt haben sollen. Das verdeutlichte einmal mehr die enge Verbindung der Ditib zur türkischen Regierung: Sie untersteht der dortigen Religionsbehörde Diyanet. Nach dem Spitzelskandal und der Eskalation im türkisch-deutschen Verhältnis wurden die kritischen Fragen immer lauter: Welche Rolle darf eine solche Organisation im Alltag und in den gesellschaftlichen Debatten in Deutschland spielen?

Die Vorstandswahlen wären nun die Chance für eine Antwort auf diese Fragen und für eine Neuaufstellung in Deutschland gewesen.

Kritik an Teilnehmerkreis

Doch schon vor der längst fälligen und vom Ditib-Vorstand immer hinausgezögerten Mitgliederversammlung rumorte es. Es gab Kritik am Wahlmodus für den Vorstand und der Zusammensetzung der Delegierten. Wer darf überhaupt kommen? Einfache Vertreter der nach Selbstauskunft rund 900 Gemeinden, die ja die Masse der Ditib-Basis stellen, wurden jedenfalls nicht eingeladen. Dass hingegen pensionierte Religionsattachés und Ditib-Gründungsmitglieder Mitspracherecht haben und an Vorstandswahlen des Verbands teilnehmen können, obwohl sie inzwischen im hohen Alter in der Türkei leben, sei nicht nachvollziehbar und unakzeptabel, sagen einige Landesvorsitzende. Schließlich sei Ditib doch auf Deutschland ausgerichtet. Namentlich zitieren lassen wollen sie sich damit aber nicht.

Überhaupt redet kaum jemand offen bei Ditib. Ein Teil der Funktionäre auf Landes- und Bundesebene lehnt Gespräche rigoros ab. Andere sprechen zwar mit einem, geben aber sehr voneinander abweichende Informationen und machen Falschaussagen. Wieder andere reden sehr offen, wollen aber unbedingt anonym bleiben. Die Furcht ist groß, dass allzu kritische Aussagen über Zuträger in die Türkei zu mächtigen Personen gelangen, die dann den Ditib-Funktionären hier Probleme machen könnten.

Drei Fraktionen streiten

Erkennbar sind im Verband drei Fraktionen: Zunächst die Gruppe der Ditib-Gründungsgeneration und der sich ihr verbunden fühlenden Leute. Sie wollen alles – Strukturen und Anbindung an die Türkei – beim Alten belassen, weil das schon von Anfang an und somit seit mehr als 30 Jahren so ist. Dann gibt es die Reformer. Sie möchten nur eine theologische Anbindung an die türkische Religionsbehörde Diyanet, aber das Gemeindeleben selbstbestimmt und ohne Einfluss der Religionsbehörde gestalten. Vor allem lehnen sie jegliche Vereinnahmung durch die türkische Politik ab. Hinzu kommt eine dritte Gruppe: die Fraktion der Millî-Görüş-Moscheen. Sie lehnt nach Expertenmeinungen die Trennung von Religion und Staat ab und betreibt die Politisierung des Islam.

Dabei ging es bei Ditib eigentlich von Anfang an um das Gegenteil, nämlich die Auswüchse des politischen Islam durch eine seriöse religiöse Grundversorgung einzudämmen. 1984 wurde der Verband in Deutschland gegründet, und zwar in Absprache mit der deutschen Bundesregierung. Ditib-Moscheen sollten ein Gegengewicht unter anderem zu den bereits existierenden Millî-Görüş-Gemeinden bilden. Über die Jahre wurden sie zum wichtigen Partner für den deutschen Staat.

Schuld sind "die deutschen Medien"

Aber spricht man Ditib-Funktionäre heute darauf an, auf die Kämpfe zwischen den Fraktionen und auf die Probleme, die der Verband in der deutschen Öffentlichkeit wegen der Spitzeleien und der Anbindung an den türkischen Staat hat, wiegeln die meisten ab. Tatsächlich stellte die Generalbundesanwaltschaft ihrer Ermittlungen in der Sache erst vor wenigen Wochen ein. Zu hören ist immer wieder, "die deutschen Medien" hätten alles aufgebauscht und Unwahrheiten berichtet. 

Das sieht einer der Ditib-Landesvorsitzenden, der offen spricht, ganz anders. Natürlich gehe es in den Moscheen auch um die türkische Politik. "Wir sind die Leidtragenden der strukturellen und politischen Verflechtung der Ditib mit der Türkei", sagt er und beschreibt das so: Die Imame, als Beamte des türkischen Staates in den Moscheegemeinden tätig, seien weisungsgebunden an die türkischen Religionsattachés. Sie hielten sich daher auch nicht an Absprachen mit den Vorständen von Moscheegemeinden und sabotierten zuweilen die Arbeit vor Ort. So erklärt der Landesvorsitzende auch die Mobilisierung von Moscheegängern im Sinne der türkischen Regierungspartei AKP, ebenso wie die Bespitzelung von Gemeindemitgliedern nach dem Putschversuch in der Türkei. Die Imame hätten über die Religionsattachés die Anweisung der türkischen Religionsbehörde Diyanet erhalten.