Große Koalition nur ohne Angela Merkel

Gegen vier Uhr morgens hatte ich die Redaktion verlassen, um kurz vor zehn stand ich schon wieder vor der Kamera. In der Nacht hatte Christian Lindner die Jamaika-Sondierungen platzen lassen – völlig überraschend für mich. Wie es nun weitergehe, darüber sollte ich – verschlafen und ein wenig ratlos – in unserem ZEIT-Online-Studio in einem Videokommentar sprechen. Eine erneute große Koalition werde es wahrscheinlich nur geben, wenn Merkel zurücktrete, sagte ich. Wie bin ich zu dieser Fehleinschätzung gekommen?

Die SPD-Spitze beteuerte wenige Stunden nach dem Jamaika-Aus: keine große Koalition! Wobei manche Genossen in ihrer Formulierung eine Hintertür offen ließen: keine weitere Merkel-Groko. Im Wahlkampf hatte ich den tiefen Frust vieler Genossen über die Kanzlerin erlebt. Die Partei hätte diese Chance nun ganz machiavellistisch ausnutzen können. Merkel schien mir angezählt, die gescheiterten Verhandlungen würden vor allem ihrer Führungsschwäche angelastet. Von wegen. Sie ist in der Union unumstritten, nicht trotz, sondern dank der Jamaika-Sondierungen. Sollte es zu einer neuen großen Koalition kommen, dann wohl nur mit Merkel. (Ferdinand Otto)

Sigmar Gabriel wird Kanzlerkandidat

"Wie sicher ist das mit Gabriel?", fragte ich in der Konferenz die Kollegin, die sich gut mit der SPD auskennt. "Sehr sicher", sagte sie. Sigmar Gabriel sollte Kanzlerkandidat der SPD werden, nicht Martin Schulz. Deshalb sollte ich mir als Campus-Redakteur und Stellvertreter aller jungen Leute da draußen etwas überlegen. Denn Schulz, war das nicht der Kandidat, der die Jungen begeistert? Wäre das nicht eine tolle Chance gewesen? Ich fand: Klar, aber auch Gabriel hat eine Chance verdient.

Also schrieb ich einen Text, in dem ich Sigmar Gabriel einige Fragen stellte, Überschrift: "Sigmar, warum soll ich dir vertrauen?" Wir bereiteten alles vor, damit wir, sobald die Kandidatur bekannt wurde, bereit sein würden. Und dann kam der 24. Januar und Gabriel sagte: "Wenn ich jetzt anträte, würde ich scheitern und mit mir die SPD."

Tja. Es ist immer ärgerlich, wenn einem als Journalist die Realität dazwischenkommt.

Was machten wir also? Na, erst mal die Überschrift ändern: "Martin, warum soll ich dir vertrauen?" Und dann die restlichen Fragen. Denn Schulz kannte ja Anfang des Jahres kaum jemand von den jungen Leuten da draußen so richtig. Nach dem Text kam er sogar in die Redaktion und beantwortete mir die Fragen live im Video-Interview. Ob Sigmar sich das getraut hätte? (Hannes Schrader)

Borussia Dortmund wird Meister

Es hat sich schon irgendwie komisch angefühlt, den Satz nach fünf Bayern-Meisterschaften überhaupt laut auszusprechen. Das Schlimme: Ich sagte ihn sogar sehr laut und deutlich vor einer Kamera, in unserer Bundesliga-Saisonvorschau. Borussia Dortmund wird Deutscher Meister.

Es lag doch auf der Hand, zumindest auf meiner: Die Bayern kamen mir im zweiten Jahr nach Pep Guardiola vor wie eine einst riesige Sandburg am Meer, die mit jeder Welle weiter abgetragen und kleiner wird. Was ich übrigens bis heute noch glaube. Dortmunds Talente wie Christian Pulisic oder Julian Weigl, angeleitet von international erfahrenen Generälen wie Nuri Şahin und dem griechischen Recken Sokratis: So muss eine Meistertruppe für mich aussehen. Dazu die Sturmreihe, nach der sich in Europa 98 Prozent aller Teams die Finger lecken würden. Der neue Trainer Peter Bosz, der aus Amsterdam kam, hatte mit einer deutlich schlechteren Truppe gerade beinahe die Europa League gewonnen. Ein bisschen Sehnsucht war auch dabei, natürlich: Es ist echt mal wieder Zeit, dass die Meisterschale auf einem anderen Rathausbalkon als dem in München gefeiert wird. Die Wettquoten waren auch gut. Ich Depp.

Ich hatte die Abwehr vergessen. Der Trainer leider auch. Verteidigen war schon unter Jürgen Klopp keine priorisierte Trainingsdisziplin, Thomas Tuchel setzte diesen Trend fort. Bosz aber ließ wie ein Wahnsinniger angreifen, ohne an den Teil der Mannschaft zu denken, der das Tor absichern soll. Der BVB erinnerte mich an die Römer in der Varusschlacht. Und das in jedem Spiel. Ich war verzweifelt. Im Oktober, November und Dezember gewann der BVB kein Spiel, stürzte von Platz eins auf Rang acht. Den erfolglosen Trainer haben sie mit dem des Tabellenletzten ersetzt und verkaufen das auch noch als hoffnungsvollen Aufbruch. Schlimm. Dann machen es halt wieder die Bayern. Habt ihr jetzt davon. (Fabian Scheeler)